war so seltsam zumute. So leicht und frei, als flöge sie empor, hinaus in den lichten Ather.

Ohnmächtig lag sie am Boden, mitten zwischen den Bergen von Kartoffelschalen.

Frau Heymann war erschrocken hinzugeeilt und schickte eine Frau hinauf zur Ambulanz, denn auch hier im Kin­derheim waren, genau wie in der Geniekaserne, Kran­kenabteilungen mit Ärzten und Pflegepersonal tätig.

Eine junge Ärztin kam herunter in den Keller, wo sich die Küche samt der Proviantur und der Schälstube be­fand. Sie leistete Kitty, die schon durch Helga und an­dere Frauen auf der Bank gebettet lag, schnelle Hilfe. Sie flößte ihr eine Flüssigkeit ein und befühlte den Puls.

Wie immer und überall, wenn man sie rief, dasselbe: ,, Herzschwäche durch Unterernährung." Sie wandte sich darauf an Frau Heymann und erklärte, daß die Arbei­terin mit der Arbeit eine Zeitlang aussetzen müsse.

Nun hatte Kitty abermals eine Freizeit, was ihr gar nicht lieb war. Immer, sich selbst überlassen, Zeit zum Nachdenken zu haben, war sehr gefährlich. Nie durfte sie um Gotteswillen an ihr früheres, geordnetes Bürger­leben denken, wo sie umhegt von der Fürsorge und Liebe ihres Mannes inmitten eines schönen, gepflegten Heimes gelebt hatte. Auch nach seinem Tode ging diese Ordnung und Exaktheit weiter. Also nicht nachdenken, das brachte den Wahnsinn. Der Kontrast zwischen einst und jetzt war so unermeßlich groß, daß kein menschli­cher Verstand diesen gewaltigen Unterschied auszuhal­ten imstande gewesen wäre.

Man mußte sich vorstellen, man lebe auf einem völlig neuen Stern und sei dorthin nackt und bloß, als wäre man vorher gestorben, versetzt worden. Kitty ging nun wieder jeden Morgen zu ihrem geliebten Platz am Fuße der Bastei . Sie hatte sich so sehr daran gewöhnt, daß sie keinen anderen Fleck der Erde aufsuchen mochte. Dort

135