IN DER KINDERKUCHE
In der Kartoffelschälstube der Kinderküche waren bereits alle Frauen an ihrem Arbeitsplatz erschienen. Mit lautem Hallo wurde Kitty nach der langen Zeit ihrer Abwesenheit begrüßt, auch ihre Vorgesetzte reichte ihr freundlich die Hand.
,, Nun, Frau Bergner, wir freuen uns alle, daß Sie wieder gesund sind. Zwar blak sehen Sie immer noch aus." Die jugendliche Frau, die, wie man hörte, schon Großmutter sein sollte, hatte das Aussehen eines jungen Mädchens von ungefähr 30 Jahren. Wie sie es anstellte, inmitten einer Tätigkeit, die viel Staub, Schmutz und Arbeit mit sich brachte, so tadellos sauber und gepflegt auszusehen, blieb allen Frauen ein Rätsel. Sie war allerdings von Geburt Tschechin, und den Tschechen standen alle möglichen Hilfsmittel und Konzessionen seitens des Altesten Rates in Theresienstadt zu Gebote.
,, Meine Damen, heute heißt es, sich ranhalten, der Koch muß die geschälten Kartoffeln frühzeitig bis 11 Uhr haben. Statt 3000 Kinder werden jetzt 4000 verpflegt, das wissen Sie ja, meine Damen." Frau Heymann rief es laut über die Köpfe der in den Bänken sitzenden Frauen hinweg. Dann holte sie das Arbeitsbuch hervor und fing an, die Namen aufzurufen. Das war sehr wichtig, weil von der Anzahl der Stunden, die im Monat gearbeitet wurden, eine Dekade, das heißt die Bezahlung für die Arbeit abhing. Wer fehlte, sei es durch Krankheit oder andere Umstände, hatte dadurch Verlust an Stundenzahl. Die Dekade bestand, was auf einem kleinen Streifen aufgedruckt zu lesen war, darin, wieviel Pfund an Kartoffeln eine jede Arbeiterin bekam. Gewöhnlich schwankte das Maß zwischen 2 bis 3 Pfund.
Sobald Frau Heymann die Namen der Arbeiterinnen aufrief, antworteten die Tschechinnen laut mit„, ano", und die Deutschen riefen dazwischen ,, hier" oder„, ja"; darauf trug Frau Heymann die Namen für den Tag ein. Kitty stockte plötzlich mit dem Kartoffelschälen, ihr
134


