Aber das Stöhnen wurde nur stärker. Es kam kein vernünftiger Lauf über ihre Lippen. Dennoch schien sie nicht bewußtlos zu sein.

Dann kam der Arzt. Ein noch junger Mann mit sehr sympathischen Gesichtszügen. Er beugte sich über die Schwerverletzte und hob vorsichtig die Binden hoch, um die Verwundungen genau zu betrachten; darauf öffnete er seinen Verbandkasten, wendete sich an Kitty und bat um heißes Wasser. Aus dem Nebenzimmer waren noch zwei Frauen zur Hilfe herausgetreten, die dem Arzt zur Hand gingen. Alle anderen Frauen mußten in ihre Betten zurückkehren. Am frühen Morgen kamen die Träger mit der Bahre und holten die arme Frau Borchers ins Krankenhaus ab. Leider hatte sie noch einen ganzen Tag dulden müssen, bevor sie starb.

Der Tod dieser Frau war der Auftakt zu vielen ande­ren, fast noch schlimmeren Erlebnissen, die Kitty in der Folgezeit durchzumachen hatte.

Am nächsten Morgen stieg Kitty die Treppe hinab und traf hinaus. Golden schien ihr die Sonne entgegen. Die Vögel schmetterten ihr Gebet gen Himmel. Wie ein ein­ziger Tempel erschien Kitty die Natur, wo Gottes All­macht laut zu ihr sprach. Der feine grüne Schleier über den weißseidenen Stämmen der Birken, die die Straße umsäumten, erfüllten ihr Herz mit Entzücken.

Obgleich die ganze Fülle der herrlichen Natur im Be­ginn des Frühlings in Theresienstadt nicht zur Entfaltung kam, da es ängstlich vermieden wurde, grüne Plätze und Schönheiten dem Auge darzubieten, erweckte doch das wenige schon in Kitty eine ungeheure Lebens­freude. Sie dachte zurück an die Heimat, wo die Welt so wunderschön war. Töricht der Mensch, der nicht alle Fähigkeiten seines Geistes und alle Widerstandskraft dafür einsetzt, Gottes Herrlichkeit dereinst vielleicht wieder genießen zu können.

Wie dankbar und demütig wollte Kitty sein, wenn sie je dieses Wunder wieder erleben dürfte.

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