mir jede Bekanntschaft, außer deiner, lästig. Ich bin eine recht klägliche Gesellschafterin. Es wäre für nie­manden ein Vergnügen, mit mir zusammen zu sein. Es sei denn, er würde mit mir die Freizeitkonzerte besuchen."

,, Nun, du drückst dich nicht sehr schmeichelhaft über deine eigene Person aus. Jeder sucht doch einmal eine Abwechslung durch das andere Geschlecht zu haben."

DER LAUSEDOKTOR

Jeder Tag hat ein anderes Gesicht. Obzwar der Alltag die gewohnten Dinge des täglichen Lebens wiederholte, schoben sich doch immer wieder neue und ungewohnte Ereignisse dazwischen.

Da war zum Beispiel die gute Frau Borchers. Wie ruhig und brav lebte die Frau in der Gefangenschaft. Sie tat ihren Hausdienst ohne Geräusch und Wider­spruch. Nie hörte man ein lautes Wort von ihr, während die anderen Zimmergenossinnen sich sehr häufig zank­ten und stritten.

Selbst beim Tode ihres Mannes hatte sich Frau Bor­chers mustergültig benommen. Kein lautes Wehklagen. Ruhig saß sie auf ihrem Platz, bis- ja, bis der Läusedoktor kam.

Alle vier Wochen wurden in Theresienstadt sämtliche Insassen der Blockhäuser und der Kasernen auf Klei­der- und Kopfläuse untersucht. Diese Maßnahme war unbedingt nötig, weil sonst das Ungeziefer überhand­genommen hätte. Wie bekannt, entsteht ja auch aus den Kleiderläusen der Flecktyphus.

Bei der Untersuchung ging es sehr langsam der Reihe der Zimmer nach zu. Die vielen Frauen wurden sehr eingehend untersucht. Eine Ankündigung vor dem Kom­men des Arztes wurde immer vermieden, damit keine Verschleierungen stattfinden konnten. Man hatte beob­

9 Philipp, Die Todgeweihten

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