Druckschrift 
Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
363
Einzelbild herunterladen

und ein Gemeinschaftssystem, dem Einrichtungen und Organe fehlen, wo dieser frei zur Geltung kommen kann, ist kultur­feindlich und undemokratisch. Deshalb müssen wir unsere humanitären Organisationen beschützen, sie unterstützen und sie bewachen als die unschätzbaren Güter, die sie sind. Sie sind unverlierbar ein Teil unserer Demokratie das Lächeln des Herzens auf dem Gesicht nach außen hin und der Pulsschlag der Nächstenliebe im täglichen Leben-, und nicht zum we­nigsten müssen wir dafür sorgen, daß sie unser waches soziales Gewissen werden. Aus ihrer Mitte und aus ihrer Gedankenwelt werden die Gründer des Friedens kommen.

Viele zweifeln daran, daß wir jemals dahin kommen werden, und an dem Nutzen unserer Bestrebungen, Mitmenschen in der Not zu helfen und damit dem Frieden den Weg zu bahnen. Ich glaube, daß die Botschaft, nach der die Welt sich sehnt, eine Botschaft ist, die mit Herz und Güte zu tun hat. Eine Bot­schaft, die die Herzen erreicht, die in der Brust von Menschen schlagen auf beiden Seiten von Eisernen Vorhängen und Landesgrenzen. Eine Botschaft der Nächstenliebe, für deren Überbringung man keine Politiker oder Diplomaten braucht. Du und ich können sie überbringen! Eine vorbehaltlos aus­gestreckte Freundeshand mit Nahrung, Kleidung und Medizin für die Hungernden, Frierenden und Kranken wird mehr er­reichen und solidere Bindungen zwischen den Menschen schaffen als irgend etwas anderes.

Das ist heute aktive Friedensarbeit- nach meiner Meinung die weitaus bedeutendste. Unsere humanitären Organisationen bieten jedem einzelnen von uns Gelegenheit, an dieser Arbeit teilzunehmen. Ja, mehr als das. Sie geben uns die Möglichkeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu zeigen, daß wir zutiefst verstehen, daß nicht alles in der Welt ist wie es sein sollte und daß durchaus nicht alles sich einrenken wird, wenn man nur Geduld hat. Es ist nicht länger eine Frage der Geduld! Unsere Geduld muß ein Ende haben bevor es zu spät ist. Denn während wir mit den Händen im Schoß dasitzen, erfüllt von der vielgepriesenen Geduld, sterben Menschen und es ist zu spät, ihnen zu helfen.

363