Druckschrift 
Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
359
Einzelbild herunterladen

weder Diplomatie noch Politik, weder Kapitalismus noch Kommunismus, weder Haß noch Rache, weder Abrechnung noch Untersuchung. Sie kommt aus den Menschenherzen und sucht nach Menschenherzen, die auf allen Seiten von allen erdenklichen Grenzscheiden schlagen, und sie bringt die Bot­schaft des Herzens von Verständnis und von Freundschaft.

Ich bin überzeugt, daß jeder einzelne von Ihnen, meine Zu­hörer, die Kraft und Wärme gefühlt hat, die von dieser ein­fachen menschlichen Botschaft ausströmt ihre unsterbliche Gültigkeit gefühlt hat und die Helle empfunden hat, die sie mit sich in das Gemüt der Menschen bringt.

-

Kaum einem von Ihnen wird das Flüchtlingsproblem unbe­kannt sein, wie es mit manchen in meinem Lande der Fall sein mag, wo es uns nicht so dicht auf den Leib gerückt ist. Sie leben ja sozusagen mittendrin und können nicht umhin, seinen Druck im täglichen Leben zu spüren.

-

Sein tiefer Ernst, sein enormer Umfang und Charakter und das katastrophale Gefahrenmoment, das es für uns alle be­deutet, wenn es nicht gelöst wird, ist den meisten von Ihnen sicher wohlbekannt. Wir wollen uns daher nicht mit Statistik, Klasseneinteilung und Zahlen aufhalten die obendrein noch wenig exakt sind, da bei weitem nicht alle Flüchtlinge registriert sind und täglich neue Tausende über die Grenzen kommen und alle Berechnungen sprengen. Ich will mich damit begnügen, festzustellen, daß es sich um viele, viele Millionen von Män­nern, Frauen und Kindern handelt, die wie Wild über die Grenzen zwischen den kriegsverwüsteten und blutenden Na­tionen Europas gejagt sind.

Die meisten von ihnen wenden sich nach Westen- darum häufen sie sich hierzulande an- als ob sie nur am Ufer warteten, um in das gelobte Land jenseits des Meeres zu entkommen.

Aber es ist nicht ein deutsches Problem allein, wenn auch die Mehrzahl der Flüchtlinge Europas sich in Deutschland befindet und wenn auch die meisten von ihnen deutscher Abstammung sind. Kein verantwortlicher Politiker oder vernünftig denken­der Mensch kann das Flüchtlingsproblem als ein deutsches Problem betrachten, das Deutschland allein bewältigen muß.

359