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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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Dieser Optimismus, der für jede kulturelle Entwicklung und für jeden Fortschritt so wesentlich ist, beruht letzten Endes auf dem Glauben an die Menschen selbst. Vieles deutet darauf hin, daß es bedrohlich viele Menschen in unserer traurig ver­wüsteten und kriegsmüden Welt gibt, die diesen Glauben ver­loren haben.

Wir, die wir ihn noch haben, trotz allem was wir gesehen und erlebt an menschlichem Verfall und Elend, wir müssen es als unsere erste Pflicht betrachten, ihn denjenigen zurückzugeben, die ihn in ihrem schweren Kampf ums Dasein verloren haben. Niemals hat ein Krieg einen solchen Umfang gehabt und ist unter größeren und schwereren Opfern ausgekämpft worden als der letzte Weltkrieg. Auch haben wir niemals mit größerer Kraft und Innigkeit gehofft und geglaubt, daß unsere Opfer nicht vergeblich sein möchten. Niemals sind mehr Völker und Nationen in der gemeinsamen Hoffnung und dem Glauben vereint gewesen, daß der Friede die Grundlage für eine neue und bessere Welt schaffen würde.

Wo ist diese neue und bessere Welt? Wo ist der Friede? Wir sprechen nicht einmal von ihm. Wir reden von Krieg. Ja, einige sind mit ihm schon recht gut im Gange.

Eins ist sicher: Haß, Rache und Vergeltung führen zu nichts. Sie führen nur wieder in den Abgrund. Wir dürften hinläng­liche Erfahrungen haben, um das zu wissen. Füttern wir die kommende Generation damit, ist es gleichbedeutend mit Seelenmord und dasselbe, als ob wir das Todesurteil unserer Kultur unterschrieben. Ich denke an die kommende Gene­ration in allen Ländern.

Aber noch etwas anderes müssen wir sie lehren, oder rich­tiger gesagt, es gibt etwas, was wir mit unseren Vorurteilen, unseren gefühlsbetonten Einstellungen, verdrehten Meinungen und verhärteten Gemütern bei der Jugend nicht in seiner natür­lichen, freien Entwicklung hemmen und entgleisen lassen dürfen. Es ist ihr Trieb zur Güte, ihr angeborenes Gefühl der Zusammengehörigkeit mit anderen Menschen- ihre Nächsten­

liebe.

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Sie kennt keine Eisernen Vorhänge, keine Frontlinien,