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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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Ich muß sogleich erklären: ich glaube nicht an Vergessen! Auf Vergessen kann man nichts Wertvolles aufbauen. Wenn wir einander verstehen wollen, müssen wir es ertragen, die geschminkte Wahrheit zu hören. Auf keiner anderen Grundlage ist wirkliche Verständigung möglich.

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Ich kann mich nicht von den Erinnerungen freimachen, von den Erinnerungen an das Blut von Männern und Frauen, das den Boden, auf dem wir stehen, geweiht hat.

Ich weiß und verstehe sehr gut, daß ich nicht der einzige in dieser Versammlung bin, der solche Erinnerungen hat, und daß der Boden, auf dem wir stehen, auch für Euch, meine deutschen Zuhörer, geweiht und heilig ist. Nicht nur, weil er Euer Vaterland ist, sondern auch, weil er in derselben Weise durch das Blut von Hunderttausenden Eurer eigenen Lands­leute geweiht worden ist, durch das Blut Eurer Väter, Mütter, Kinder und Freunde.

Die Gefühle, die diese Erinnerungen in uns erwecken, wurzeln tief in unseren Herzen. Sie sind in einer tieferen und weit solideren und reineren Schicht verwurzelt als die Affekte des Tages, als dieser ganze verwickelte Komplex von Haẞ, Rache, Neid, Mißtrauen, Bitterkeit und sonstiger seelischen Gemeinheit, die Gott sei Dank überwiegend in den oberen Schichten des Gemütes ihr Wesen treiben.

Wir müssen diese infizierten Schichten durchstoßen und hinunterdringen bis in die reiche, unberührte Tiefe. Dort müssen wir das Fundament legen für die Freundschaft, die Verständigung und das Vertrauen, das zwischen unseren Na­tionen wieder aufgebaut werden soll, damit wir eine Wieder­holung des Geschehenen durch gemeinsame Arbeit verhindern können.

Ich sagte, ich glaube nicht an Vergessen, und das meine ich. Aber ich meine es nicht so wie es so oft aufgefaßt wird-, daß

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es das Wichtigste ist, den Blick zurückschweifen zu lassen und hartnäckig die Erinnerungen an Unrecht, das gegen einen begangen worden ist, an Bitterkeit und Niederlagen, zu be­wahren. Die Geschichte, wie auch immer sie sich gestaltete, kann uns vieles lehren, aber die Bedingung dafür ist, daß wir

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