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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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NACHWORT

Die deutschen Leser des Tagebuches von Odd Nansen werden fragen, wie er sich die Verständigung und die Zusammenarbeit zwischen dem norwegischen und dem deutschen Volke denkt und wie die Beseitigung der Trümmer, die scheinbar unüber­steigbar zwischen den beiden Völkern aufgeschichtet sind.- Besser als alle theoretischen Erklärungen spricht das Hilfswerk, das er im Geiste seines großen Vaters fortführt, und die nun folgende Rede, die er am 19. Juni 1949 in Mainz gehalten hat. Möge sie offene Ohren und Herzen in unserem Land finden. Der Verlag

REDE

gehalten in Mainz am 19. Juni 1949

Wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, ich würde heute auf Grund einer Einladung freiwillig zu einer deutschen Versammlung in Deutschland sprechen- ich gestehe, ich hätte es als einen ziemlich taktlosen Scherz aufgefaßt.

Auch damals war ich in Deutschland , aber ich fürchte; meine Gedanken und Gefühle für die Deutschen und Deutschland waren damals ganz andere als heute. Man wird mich vielleicht entschuldigen, wenn ich hinzufüge, daß ich damals sehr gegen meinen Willen in Deutschland war. Ich war in einem Kon­zentrationslager eingesperrt, zusammen mit Tausenden von Gefangenen fast aller Nationen Europas , unter denen meine Landsleute ziemlich zahlreich vertreten waren.

Was wir damals erlebten und was wir erlebt hatten, bevor wir hierher kamen-, war nicht gerade dazu geeignet, freund­schaftliche Beziehungen zwischen unseren Nationen zu schaffen. Es mögen deshalb manche der Meinung sein, diese Dinge sollten am liebsten vergessen werden, damit in dieser Versammlung keine unnötige Verstimmung aufkomme.

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