für sie sein, aber es scheint, daß sie das gar nicht kümmert. Die Wirklichkeit, die Wahrheit, die handgreiflichen Realitäten spielen keine besonders große Rolle bei ihnen, wenn nur die äußere Fassade präsentabel ist. Als wenn die schwedische Rote- Kreuz- Kommission, die soviel weiß, sich bluffen ließe von einer eilig erstellten nationalsozialistischen Fassade!
Am Nachmittag kam die Kommission. Die Vertrauensleute wurden zusammengerufen, denn Graf Folke Bernadotte , der die Kommission führte, verlangte sie zu sprechen. Sie hatten eine lange Konferenz, bevor die Führung durch das Lager begann. Die Schweden wurden gut orientiert. Unser erster Vertrauensmann war großartig. Er hatte klaren Bericht erstattet über die Zustände im Lager, ohne daß der Kommandant, Lagerführer oder irgendein SS- Mann gewagt hätte, einzugreifen oder zu unterbrechen. Die Unterhaltung war auf ,, skandinavisch" geführt worden. Die Schweden waren also gut orientiert, ehe sie ihre Inspektionsrunde begannen. Erst begaben sie sich in den Mauerblock, der sich jetzt in einer ordentlichen Verfassung befindet. Aber danach ging es in den Block 6, einen der schlimmsten, wo unsere Leute auf ihren Strohhaufen auf dem Fußboden eng beieinander hockten und aßen. Das machte auf die Schweden einen tiefen Eindruck. Für die Deutschen mußte dieser Rundgang ja ein Kanossagang sein, wie man ihn selten findet! Sie schienen sich auch nicht sehr wohl dabei zu fühlen. Sie sagten nichts, konnten auch nicht verhindern, daß die Schweden sich lebhaft mit uns und anderen unterhielten. Die Schweden bekamen alles zu sehen und alles zu wissen, und ich glaube, sagen zu können, daß dies für uns ein großer und wohlgelungener Tag war. Die Laune war auch die allerbeste. Allein schon, die Schweden unter uns zu sehen, war ja eine kolossale Aufmunterung, und ihr strahlender Optimismus in bezug auf das Kriegsende und unser Schicksal tat ein übriges. Es war, als wenn ein frischer Frühlingswind durch die Norweger - und Dänenbaracken ging.
Ich beobachtete heute einen Transport Muselmänner, die das Lager in schwedischen Autobussen verließen. Die Schweden mußten es übernehmen, sie wegzutransportieren, damit wir
336


