dabei hatten wir so oft gehört, daß er tot sei. Auch Ragnar Hartwig traf ich. Er sah geradezu gut aus- nach Typhus und Elend hat ihn einige Zeit in Dachau mit Paketen wieder auf die Beine gebracht. Gunnar Kaardahl aus Horten- mein Freund von der Baracke und dem Architekturbüro auf Grini - lebt in bester Verfassung. Aber vier von den sechsen, mit denen er von Sachsenhausen nach dem Elsaß zog, sind tot. Ich traf viele Überlebende, und bei jedem bekannten Gesicht, das ich hinter dem Stacheldraht erblickte, durchfuhr mich ein Freudenschauer. Sie riefen meinen Namen, und ich rief wieder: ,, Willkommen, willkommen!" Ganz durcheinander von dem, was ich gesehen und gehört hatte, halb bewußtlos von all den übermächtigen Eindrücken suchte ich zuletzt den Block auf. Und nun versuche ich, etwas davon so niederzuschreiben, daß es wenigstens einen blassen Widerschein davon geben kann.
Ich werde einen Anblick, den ich gestern nachmittag hatte, nicht mehr los. Er bildet einen festen Hintergrund für alles, was sich heute vor mir abspielt. Ich sah Hunderte von Leichen, die drinnen im Leichenhaus haushoch aufeinander gestapelt sind. Arvid und ich gingen dorthin. Ich wollte es sehen. Es war ein fürchterlicher Anblick. Dort lagen drei- bis vierhundert Skelette man muẞte an gerupfte magere Küken denken. Es waren keine Menschen mehr, so elend waren sie. Und die Menge, diese überwältigende Menge verschob das Maß vollständig. Aber die Gesichter und die starrenden Augen, die gähnenden Münder und die schmerzverzogenen Züge- sie gehörten Menschen, Menschen, die gelebt und gelitten hatten und die gestorben waren. Und diese Hunderte waren die Ernte von nur drei Tagen! Sie lagen den Köpfen- oder richtiger gesagt den Totenschädeln nach in einer Richtung. Die Körper brauchten nicht mehr Platz als die Köpfe. Es waren ja nur noch die mit Haut überzogenen Knochen übrig. Einige waren blutig mit eitrigen Wunden und farbigen Malen von Schlägen, andere wieder waren bleich wie Wachs. Zu unseren Füßen lag ein Norweger. Der ,, Leichenwächter" zeigte ihn uns, er war an Typhus gestorben. Er wollte ihn umdrehen, weil er mit dem Gesicht auf dem Betonboden lag, aber zur gleichen Zeit kam
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