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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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stehen Hunderte von Dachauleuten und Studenten. Es ist ein ohrenbetäubender Lärm. Eine Antwort kann man kaum ver- stehen, wenn es überhaupt gelungen ist, die Frage des Gegen- übers aufzuschnappen. Und doch erfuhr man hier von Brüdern, die gestorben waren, und nahm ihre letzten Grüße entgegen. Hier traf man Freunde wieder, von denen man glaubte, daß sie tot seien. Knochenmager waren viele von ihnen und in einer elenden Verfassung, mit ausgeschlagenen Zähnen, ver- sehrten Beinen oder Armen und ruinierter Gesundheit- aber sie lebten. Hier über die Stacheldrahtzäune hinweg bekam man Nachricht von Frauen und Kindern, die jahrelang nichts von ihrem Mann und ihrem Vater gehört hatten. Todesnachrichten wurden hinausgebrüllt, erreichten ängstlich lauschende Ohren durch einen betäubenden Lärm hindurch und trafen wie Pfeil- spitzen die Gemüter, während heisere Zurufe mit Botschaft von Leben und Hoffnung wie Sonnenstrahlen in andere Her- zen drangen, Freude bereiteten, unsagbare, unfaßbare Freude! Freunde trafen sich wieder, nachdem sie Jahre auseinander gewesen waren, Freunde, die zu Hause in der Zelle gesessen hatten in langen, dunklen Monaten, mit denen man gemeinsam Torturen durchgemacht und in nackten, kalten Gefängniszellen alles geteilt hatte: Sorgen und Schmerzen, Essen und Trinken- wie es gerade kam. Und so waren manche Freunde geworden fürs Leben. Der Eindruck, den man bekommt, wenn man ver- suchen will, alle die überwältigenden und aufreibenden Szenen zusammenzufassen, ist der einer einzigen Riesenkatastrophe, die über uns alle hinweggefegt ist und reiche Ernte gehalten hat. Es kann noch lange dauern, bis wir in einem sicheren Hafen sind. Es sind ja nur einige Wracks, die hier in Neuen- gamme an Land getrieben worden sind. Zu Hause sitzen Wit- wen und Waisen zu Hunderten und wissen es nicht!Oh, welch ein Jammer! Oh, welche bodenlosen, unüberwindlichen Sor- gen werden über unser Land fluten, über dieses kriegsver- wüstete, zerrissene Land!

Ich habe sichere Nachrichten über Leif bekommen. Es geht ihm gut, und er kommt später-.

Ich sprach mit Hartvig Munthe. Er ist quietschlebendig, und

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