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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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sollten nicht weiter als bis dorthin kommen. Daß dazu mehr als guter Grund vorhanden war, verstehen wir jetzt, nachdem wir die Innenseite gesehen haben, die, wie man wohl sagen darf, jeder Beschreibung spottet. Der Mangel an Ordnung und Sauberkeit schlägt einem an der Pforte schon förmlich ent­gegen. Je mehr man sieht, desto stärker wird dieser Eindruck. Wir landeten auf einem mittelgroßen Betonplatz, den Baracken umgaben, die mit Stacheldraht eingezäunt waren. Dahinter erblickten wir die Kameraden der vorhergegangenen Trans­porte. Wir wurden aufgerufen, zu fünfen aufgestellt und mar­schierten endlich in die Stacheldrahtumzäunung hinein und von dort in eine Baracke. Aber was für eine Baracke! Sie starrte förmlich von Dreck, und es roch nach allem, was schlecht riechen kann. Die Baracke war ein einziger offener Raum von acht Meter Breite und fünfzig bis sechzig Meter Länge. Auf dem Boden waren Gestelle, die mit Stroh gefüllt waren, und auf dem Stroh lagen Wolldecken. Man hatte das Gefühl, als wenn das Stroh und die Decken lebendig wären vor lauter Läusen, die man zwar noch nicht sehen konnte. Wir sollten noch nähere Bekanntschaft mit ihnen machen!

Vorerst galt es jedoch, sich im ,, Stall" einen Platz zu ver­schaffen. Arvid, Erik und ich hatten das Glück, in eine Ecke beim Eingang hineinzuplumpsen. Der Weg nach draußen war kurz man konnte ja nie wissen. Dort brachten wir unsere Sachen unter, und dann gingen wir hinaus, um uns mit den Verhältnissen vertraut zu machen. Der ,, Hofraum"- der Zwischenraum zwischen unserer Baracke und der nächsten war schmal wie ein Handtuch und wie ein Unglück so lang. Ihr benachbart und an sie angebaut lag eine lange, niedrige Abortbaracke. Und gegenüber war es genau so. Alle Baracken gingen zum Hofplatz hinaus. Um eine unserer Nachbar­baracken war Stacheldraht gezogen. Dort wohnten nämlich zum Tode Verurteilte, Flüchtlinge und andere. Wir sahen, wie sie am Stacheldraht standen und um Zigarettenstummel und anderes bettelten. Sie sahen verkommen und elend aus. Der ganze Hofplatz war nichts anderes als eine offene Kloake, wo es noch schlimmer stank als drinnen in den Baracken. Obwohl das

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