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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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fessor Runberg, zu wechseln, der mit in unserem Bus fuhr. Ich gab ihm Namen und Nummer von Keil. Er versprach mir, sein möglichstes zu tun, um Keil später mitzubekommen. Im übrigen wolle er versuchen, unsereFlüchtlinge Holm, Meyer und Hart mitzunehmen. Aber Tommy, Herrgott, Tommy! Allein seinen Namen zu nennen, gab einen Stich ins Herz. Für Tommy konnte Runberg leider nichts tun.

Wir hatten Radio im Bus und hörten die deutschen Nach- richten. Der Professor bemerkte dazu mit einem Schalksblick: Sie müssen nicht glauben, daß das alles ganz genau stimmt! Die Bemerkung löste stürmischen Beifall aus im ganzen Bus. Es war ja so schön, so etwas zu hören- dazu noch in einer gemütlichen, sicheren Sprache!

Die Flüchtlingskarawanen füllten überall die Straßen. Es sah aus, als wenn das Land voller Zigeuner wäre. Alles machte den Eindruck von Auflösung und Verwirrung, Hoffnungs- losigkeit, Elend und Unglück. Aber wir saßen sicher in schwe- dischen Rot-Kreuz-Omnibussen auf dem Weg zur Rettung. Die Zeit der Prüfungen war vorbei! glaubten wir.

Endlich bogen wir in einen Seitenweg ein, und gleich da- nach fuhren alle elf Busse am Eingang des Konzentrations- lagers Neuengamme vor.

Das erste, was uns entgegenkam, als wir aus den Autos stiegen und die steifen Beine streckten, war ein Gestank von Abfall und unverfälschter Kloake. Ein Gestank, der uns seit- dem ununterbrochen verfolgt- nur haben wir uns in der Zwischenzeit etwas mehr daran gewöhnt. Und dann fingen sofort einige SS-Leute an mitSeitenrichtung undZu fünfen und all dem anderen. Mit der ‚‚Freiheit war es zu Ende, die glücklichsten Stunden seit vielen Jahren waren vor- bei, wir mußten das Kreuz wieder auf die Schulter nehmen und in eine neue Strafanstalt hineinmarschieren. Das ‚‚Kreuz* war schwer, aber es sollte später noch schwerer werden. Außer demGepäck hatte jeder sein Dänenpaket zu tragen. Es stellte sich heraus, daß das Lager selbst einen Kilometer vom äußeren Eingang entfernt lag. Die Autos mußten draußen halten, ob- wohl ein breiter, guter Weg bis hin führte. Aber die Schweden

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