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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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gut undnett. Von Sachsenhausens Kehrseite habe er nichts gesehen, er habe keine Ahnung davon gehabt, was für Dinge hier geschehen, und daß Zustände herrschen, die so schrecklich seien, so roh und entsetzlich, daß seine Phantasie nicht ausgereicht hätte sich das vorzustellen- hätte er es nicht mit seinen eigenen Augen gesehen. Er war bis in das Innerste seiner Seele erschüttert.

Die Norweger sind während der Isolierung Gegenstand einer systematischen Ausplünderung gewesen. Teils mußten sie dem Blockältesten. und allem möglichen Blockpersonal und angestellten Mitgefangenen von ihren Vorräten abgeben, um eine anständige Behandlung zu erreichen, teils wurden sie regelrecht bestohlen. Sie wurden erst auf 14 gelegt. Als sie dort ausgeplündert waren, wurden sie auf 36 überführt, wo ein neuer Blockältester und andere mehr eine neue Ausplünderung begannen. Das Letzte verloren sie, als sie auf Block 14 zurück- ziehen mußten. Nachts wurden sie nach Strich und Faden in den Betten bestohlen, denn sie mußten ja alles, was sie be- saßen, mit in die Betten nehmen und versuchen, darüber zu brüten. Aber die meisten schliefen zu tief und erwachten in einem leeren Bett. Leer? Sie lagen ja zu dreien bis vieren zu- sammen. Die Muselmanndiebe krochen herum, elend und wahnsinnig vor Hunger, und stahlen alles Eßbare und alle Kleider, die sie auf ihre Knochenkörper anziehen konnten. Arme, elende Menschenwürmer! Kann man das nicht ver- stehen? Gibt es keine Entschuldigung für das, was sie taten? Gibt es nicht Verbrechen, die schlimmer sind als das, daß man versucht, dem Tod zu entgehen dadurch, daß man von denen nimmt, die Überfluß haben? Überfluß? Keiner hat Überfluß, aber einige leiden keine Not, und andere sterben vor Hunger. Sie werden doch sterben! Ja, wahrscheinlich, aber auch sie hängen am Leben, und Hunger und Schrecken machen sie wahnsinnig und verzweifelt. Unter diesen Wahnsinnigen gibt es viele gerissene Diebe, und man ist seiner Sachen niemals sicher, solange man sich unter ihnen aufhält. Alles verschwindet einem aus den Taschen und aus dem Pappkarton, den man unterm Arm hält. Bjarne Aanesen hatte alles, was er besaß,

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