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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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schön verpackt in einem neu organisierten Rucksack auf dem Rücken. Als sie sich wegen Fliegeralarms eine Weile in die Ba­racken zurückziehen mußten, wurde ihm sein ganzer Besitz mit einem Messer aus dem Sack herausgeschnitten! Das ge­schah, als er im Flur im Gedränge stand. Ich mußte lachen, als ich es hörte, denn es ist ja so sinnlos ärgerlich, und die Frech­heit hat einen derartigen Rekord geschlagen, daß es schon komisch ist.

Wie immer war ich auch am gestrigen Sonntag auf dem Revier, um meinen jüngsten Freund, den Raffael- Engel Tommy, zu besuchen. Er war gerade so freundlich und lächelte. ebenso, wie das letztemal, dabei war er mitteilsamer. Er hatte keine Zeichnungen für mich gemacht, wie er es versprochen hatte, und entschuldigte sich damit, daß er es ohne Erfolg ver­sucht habe. Ich hatte ein Päckchen mit Würfelzucker, Sar­dinen usw. bei mir, Scott brachte Keks, und Tommy war be­geistert. Diesmal berichtete er von dem Transport von Ausch­witz über Heinckel hierher. Erst gingen sie drei Tage zu Fuß. Sie hatten ziemlich viel Essen mitbekommen, u. a. auch Büchsenfleisch, das ihm gleich am Anfang weggestohlen wurde. Die Decke, die er mithatte, warf er von sich, weil sie zu schwer wurde. Er ging mit einigen anderen kleinen Jungen zusammen, die in seinem Alter waren. Sie waren auch allein in der Welt, die Eltern wahrscheinlich tot. Allein auf einem Gefangenentransport! Zehn Jahre alt! Nach einem Marsch von drei Tagen wurden sie in Eisenbahnwagen verstaut. Zwei­hundert in jeden Wagen. Die Wagen waren offen. Sie hatten keine Wände. Die Gefangenen standen zusammengepfercht so dicht wie möglich. Man muß sich vorstellen, was das für die kleinen Zehnjährigen bedeutete, zusammengepreẞt zu stehen, tief unten zwischen den Beinen der Erwachsenen. Der Trans­port wurde während der schlimmsten Kälte durchgeführt und dauerte zwölf Tage und zwölf Nächte. Der Junge erzählt, daß ununterbrochen Menschen starben, und daß die anderen sich jedesmal freuten, wenn wieder einer tot war, weil sie dann mehr Platz bekamen. Die Toten wurden manchmal sofort hinaus­geworfen, oder es war üblich, daß man sich auf sie setzte.

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