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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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einem Transport weggeführt, und er stand alleine in der Welt, acht Jahre alt! Und in was für einer Welt! Er wurde dann nach Auschwitz überführt. Sein Vater, der dort in einer Wäscherei arbeitete, erblickte ihn zufällig, als er auf der Rampe stand, wo er mit mehreren hundert Juden aufgestellt war, um in die Gas­kammer geführt zu werden. Der Vater schnappte ihn und ver­steckte ihn in der Wäscherei unter den aufgestapelten Kleidern. Später wurde er Laufjunge in der Wäscherei. Als er noch keine zehn Jahre alt war, lernte er die Schrecken in ihrem ganzen Ausmaß kennen. Er konnte erzählen, wie groß die Gaskammer sei, wie viele Menschen auf einmal hineingingen( zweitausend) und wie viele Büchsen( Gas) man dann brauche( vier). Er er­zählte vom Entkleidungsraum, wo sie sich auszogen, ehe sie in die großen Hallen gingen. Er stehe voller Bänke, sagte er, und alle müßten ihre Kleider ordentlich an die Haken hängen und nicht vergessen, das Schild mit ihrer Nummer über die Kleider zu hängen. Nein, in der großen Halle seien keine. Bänke er lachte über meine Unwissenheit-, dort drinnen müßten sie stehen, sie sollten ja sterben, und er lächelte wieder sein Engelslächeln. War das möglich? Lag dieser Engel Raf­faels wirklich dort und erzählte, wie Tausende und aber Tausende seiner eigenen Stammesgenossen starben? Und war sein Lächeln nicht so rein und unschuldig wie jedes Lächeln in einem schönen Kindergesicht? Nein, sie durften sich nicht hinsetzen, sagte er, sie standen dicht, dicht beieinander und starben. Er schien sehr verwundert darüber, daß ich, der ich doch so alt aussah, so etwas nicht wußte. Das sei doch ganz all­täglich... Es könne ungefähr zehn Minuten dauern, bis sie tot seien, meinte er beinahe sachlich. Ob die Halle wie ein Bad aussehe, ob das Gas durch an der Decke angebrachte Kräne ströme oder wie es überhaupt sei? wollte ich wissen. Er schüt­telte den Kopf über soviel Unwissenheit: Nein, das Gas wurde doch zu ihnen hineingeworfen. Die Büchsen? Jetzt wurde er ganz verzweifelt darüber, daß ich so einfache und gewöhnliche Dinge nicht wußte, wie, daß das Gas in Glasbehältern durch Öffnungen in der Wand hineingeworfen wurde und daß die Behälter zerbrachen, wenn sie auf den Boden fielen. Den Zu­

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