den, und unsere Gedanken beugen uns zur Erde. Aber auch die Sonne kann noch scheinen, noch vermögen ihre Strahlen in unser Gemüt einzudringen und Hoffnung, Glauben und Freude zu verbreiten. Ja, Gott sei Dank, noch sind wir nicht, tot, noch gilt unsere Sehnsucht dem Leben.
Die Sensation dieser Tage ist eine riesengroße Alkohol- affäre im Lager. Fünfzigtausend Liter Genever sind nach Kfz-Depot Wald gekommen. Es dauerte nicht lange, bis die Gefangenen den Schnaps rochen und anfingen zu zapfen. Die SS folgte, und jetzt stehlen sie um die Wette, jeder für sich oder gemeinsam. Gestern und heute war ein großer Teil des Kommandos ziemlich angeheitert. Die SS wagt nicht, etwas zu sagen, sie ist selbst zu sehr in die Geschichte verwickelt. Sämmler rief heute bei Irsch an und meldete, daß ein ganzes Kommando vollkommen betrunken oben im Wald liege. Es wurde nichts unternommen. Ich habe den Schnaps versucht, er war grauenhaft. Im übrigen mag ich keinen Wacholder- schnaps.
19. Februar 1945
Gestern besuchte ich den kleinen Judenjungen auf dem Re- vier. Stelle dir einen von Raffaels Engeln vor! So sah er aus, ja, man mußte unwillkürlich schauen, ob die Kopfkissen- enden, die hinter seinem Rücken hervorsahen, nicht vielleicht doch zwei kleine Flügel seien! Er lag auf R III, und es ging ihm großartig. Alle kannten ihn, viele nahmen sich seiner an, und er entbehrte nichts. Er bekam genug zu essen, und der Fuß schmerzte nicht mehr. Zwei und ein halbes Jahr lang hat dieser Junge in deutschen Konzentrationslagern eingesperrt gesessen! Er ist Slowake und wohnte in einer Stadt in der Nähe von Preßburg . Seine Mutter war Deutsche, ja, war, denn sie wird kaum noch am Leben sein. Die ersten beiden Jahre wohnte er mit seinen Eltern zusammen in einem Lager in Kielce in Polen . Es ging ihnen„gut“, sie arbeiteten dort in einer Fabrik. Nach einem halben Jahr wurde der Vater mit einem Transport weggeschickt. Der Kleine lebte dann mit seiner Mutter ein Jahr lang im Lager. Aber dann wurde auch die Mutter mit
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