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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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sich ihn sonst vorgestellt? Es ist wohl so, daß wir immer nur davon gesprochen haben. Uns fehlte die Phantasie, um uns vorzustellen, wie er sich gestalten würde. Jetzt ist er da. Wir sind mitten drin und merken es nicht, weil wir es nicht fassen können. Wir werden es vielleicht erst verstehen, wenn es zu spät ist.

18. Februar 1945

Im Laufe des Nachmittags und Abends wurde noch ein Teil

Norweger für den Transport ausgesucht. Man rechnet damit,

daß sie heute nachmittag starten. Unter ihnen befinden sich Arnulf Överland und Bjarne Aanesen. Man sagt, daß dieser

Transport nicht einer von den besten sein soll. Aber man kann

und soll sich nicht auf das verlassen, was der eine oder andere sich so gedacht hat. Die Stimmung im Lager ist in den letzten Tagen übrigens noch unheimlicher und teuflischer geworden. Die Norweger fühlten sich seither sicher, aber die- jenigen, dieNerven und Riechorgane haben, werden langsam bedenklich.Vernichtung! liest man oft mit Feuerbuchstaben an der Wand in der Dunkelkammer der Gedanken. ‚Ver- nichtung! Standrecht! Ausnahmezustand! Es gibt nur zwei Sorten Menschen: diejenigen, die mit uns sind, und diejenigen, die gegen uns sind! Die letzteren sollen vernichtet werden, restlos vernichtet! Man sieht die Kolonnen vor sich, die in den Tod marschieren, jene an den Fronten und die in den Konzen- trationslagern und Gefängnissen und auch diejenigen, die die Wege in ganz Deutschland füllen: die Flüchtlinge. Und über ihnen allen hängt der Terror wie eine Peitsche mit Millionen Schwänzen. Ohne Gnade! Willst du oder willst du nicht? Leben oder Tod! Keine Sentimentalität, keine Gefühle. Die Maschinengewehre fühlen nicht, auch nicht die Tanks und Kanonen und Bombenflugzeuge, auch diejenigen nicht, die den Finger am Abzug ihrer Waffe haben, die an den Lenkrädern sitzen- Kurs Untergang. Und so ist es am besten. Denn denke dir, wenn sie wüßten, was sie tun? Uns ist noch nicht alles gleichgültig, jedenfalls nicht allen. Unsere Herzen empfinden immer noch Schmerz, unsere Nerven können uns lästig wer-

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