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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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wegs durch die beiden Tore. Der Omnibus hielt auf der anderen Seite der Anlage. Dort ist eine neue kleine Baracke entstanden. Sie wurden hineingeführt und mußten dort das Hemd aus­ziehen, weil sie geimpft werden sollten. In der Baracke sah es sauber und ordentlich aus. Weiße Decken lagen auf den Tischen, und zwei weiẞgekleidete ,, Ärzte " erwarteten sie.( Zwei Ge­fangene, die nie Ärzte gewesen waren, und die die Büttelarbeit übernommen haben!) Auf einem Tisch lagen mehrere Spritzen bereit. Der eine ,, Arzt" gab dem Gefangenen die Spritze, wäh­rend der andere sie aufs neue füllte und auf den Tisch legte. Dann wurde der Gefangene von einem ,, Pfleger" durch die gegenüberliegende Türe geführt. Kaum war er durchgegangen, da fiel er auch schon tot um. Die restlichen Kleider wurden ihm ausgezogen, und die Leiche wurde dann direkt weiter in den Krematoriumsofen expediert.

Dies hat einer der ,, Ärzte " im Rausch verraten. Denn ge­trunken wird natürlich auch. Es ist des öfteren vorgekommen, daß jemand an Metanolvergiftung gestorben ist. Ein Norweger starb dieser Tage auch an einem solchen ,, Rausch". Ein anderer wurde beinahe blind.

Leider spukt es für die Juden aus Liberose. Ein Teil von ihnen ist schon ,, ausgesucht" worden. Viele sterben auch ,, natürlich". Der arme Wolfberg! Ihr müßt zu Hause grüßen, sagte er. Er wird schon vorbereitet sein.

Mitten in diesem Elend und in dieser Unheimlichkeit exi­stiert immer noch der Sonderbau, das Hurenhaus. Zehn Mäd­chen haben sich auf diese Weise ,, freigekauft" von einer Strafe, die sie schlimmer dünkte. Und als Begleitung zu all dieser ,, Betriebsamkeit" donnern, quietschen und brüllen die Lautsprecher ringsum im Lager von dem Augenblick an, da wir abends von der Arbeit kommen, bis wir zu Bett gehen. Modernste Operettenmusik, Chorgesang, Militärmärsche, Nach­richten und Propaganda, merkwürdigerweise ab und zu auch wirklich gute Musik: Bach, Beethoven, Brahms , Schubert, Schumann. Aber die Lautsprecher sind so erbärmlich schlecht, daß es eine Qual ist, selbst diese Musik zu hören.

Wir bekommen allmählich ,, reichlich Platz" im Lager. Seit

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