wir hier sind, war das Lager noch nie so schlecht belegt. Darum soll jetzt etwas umbelegt werden. Alle, mit Ausnahme der Norweger, sollen nach Kommandos geordnet untergebracht werden. Wir sollen uns auf zwei Blöcke verteilen, so daß wir anstatt vierhundert nur hundert auf jedem Block sind. Das wird ja das reinste Luxusdasein werden, wenn auch unter normalen Verhältnissen immer noch anderthalb hundert Gefangene zuviel da wären. Ach ja, normale Verhältnisse. Was ist das? Für uns hat sich alles verschoben: die Zeit, der Maßstab und die Begriffe. Es wird schon schwer werden, wieder Häuser für Menschen im normalen Maßstab zu zeichnen.
16. Februar 1945
Auf dem Revier liegt ein kleiner Judenjunge, der noch keine zehn Jahre alt ist. Er kommt von Auschwitz . Seine Füße sind erfroren, und einige Zehen mußten amputiert werden. In Auschwitz war er Laufjunge im Krematorium. Er erzählt u. a., daß die größte Anzahl, die die Gaskammer auf einmal fassen könne, zweitausend sei, und ,, dann wurden zwei Büchsen gebraucht", sagte er. ,, Woher weißt du denn das?" fragte ihn jemand. ,, Doch, ich holte ja die Büchsen", antwortete der Junge. Er erzählte auch, daß sein Vater, mit dem er zusammen wohnte, ihn oft in den Kleiderhaufen verstecken mußte, wenn im Lager Razzien nach Judenkindern waren. Auf diese Weise wurde er gerettet. Ich möchte wissen, ob das der kleine Junge war, der an der Hand seines Vaters ging und ihn nicht loslassen wollte, nicht einmal, als er grüßen sollte. Er wechselte nur die Hand. Es war vor einem halben Jahr, als Wolfberg mit dem großen Transport von Auschwitz kam. Der Vater erzählte mir, daß er den Jungen mitgeschmuggelt hatte und daß er ihn immer versteckt habe, wenn die Razzien kamen. Wo mag dieser Vater jetzt sein? Und wie mag es dem armen kleinen Jungen gehen? Ich werde ihn bei erster bester Gelegenheit besuchen und mit ihm sprechen, vielleicht kann ich ihm ein klein wenig Trost oder Freude geben. Ich werde jedenfalls ein paar Stücke Zucker mitnehmen. Das ist leider alles, was wir jetzt noch haben.
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