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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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ständigen Transport. Man könnte vielleicht glauben, daß diese Fälschung, diese Todeskomödie aus Nächstenliebe in Szene ge­setzt wird, damit die armen Menschen jedenfalls nicht wissen, daß sie getötet werden sollen. Ach nein, auch Edelmut kennt Grenzen! Es geschieht aus rein praktischen Gründen- es ist das Ergebnis einer jahrelangen Erfahrung. Es hat sich nämlich gezeigt, daß die Menschen, selbst die Kranken, sich nicht ganz freiwillig zur Schlachtbank führen lassen, gerade wie die Tiere auch. Es kommt vor, daß sie ihre letzten Kräfte zusammen­raffen, um sich loszureißen und wegzulaufen, Widerstand zu leisten, zu schlagen, zu schreien. Dann müssen sie auf sie schie­Ben, sie wieder einfangen, und allerlei Unannehmlichkeiten können entstehen. Es könnte vielleicht sein, daß unerwünschte Leute auf diese Tätigkeit aufmerksam werden. Nicht von jedem wird sie ja als die hygienische Aktion, als die sie gemeint ist, verstanden und gewertet. Denn Tb ist ja ansteckend, ist einer der schlimmsten und tödlichsten Feinde der Menschheit! Sie muß ausgerottet werden. Gesunde Menschen darf man dieser tödlichen Ansteckungsgefahr nicht aussetzen. Der Schwind­süchtige ist darum ein Feind des gesunden Menschen. Wenn man die Sache also von dieser höheren Warte aus ansieht, kann man den ganzen Prozeß als menschenfreundlich bezeichnen. Aber so ,, weit" zu schauen, ist wohl nur einzelnen gegeben- Übermenschen!

In letzter Zeit wählt man für diese ,, Transporte" allerdings einen anderen Weg. Man hat entdeckt, daß die meisten ver­stehen, wohin es geht, sobald sie um die rechte Ecke biegen. Viele klappen zusammen oder werden lästig aus den genannten Gründen. Darum setzt der Transport, nachdem er durch das Tor gegangen ist, seinen Weg geradeaus fort an der verhäng­nisvollen Ecke vorbei und geht auch zum äußeren Tor hinaus, hinaus auf die Straße in das freie Deutschland ! Und in die angsterfüllten Herzen schießt die Hoffnung, daß es doch über­trieben ist, dieses Gerede von Krematorium und Untergang, daß man ihnen nichts Böses will, daß sie nur in ein besseres Lager übergesiedelt werden sollen, in ein Erholungsheim! Und mit frischem Mut und zunehmenden Lebenskräften

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