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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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wo er anklopfte und bat, hereingelassen zu werden. Dem stand anscheinend nichts im Wege. Jetzt sitzt er auf Block 14 zusammen mit Juden und den Schlimmsten aller Muselmänner. Er muß ja doch ein Trottel gewesen sein, daß er seine Chance nicht besser ausnutzte. Aber die Geschichte- wenn sie wirklich wahr ist- gibt ein ganz gutes Bild von den Zuständen außer­halb des Zaunes. Chaos und Auflösung! Es waren unweigerlich wertvolle Aufklärungen für solche, die vielleicht daran gedacht hatten, sich davonzumachen.

Die Russen dringen weiter vor. Jetzt sind sie beinahe nur einen Tagesmarsch entfernt. Hier werden überall Panzergräben und Bunker, Maschinengewehrnester und Schützengräben ge­baut. Gott weiß, ob wir den ganzen Sturm aus der Nähe er­leben sollen?

14. Februar 1945

Im Laufe der vorletzten vierundzwanzig Stunden sind im Lager verstorben:

150 Mann auf dem Revier,

46 auf dem Block,

14 der Juden aus Liberose und

1542 auf Transporten.

Das ist die Ernte von vierundzwanzig Stunden. Gestern wurden einhundertzehn Mann aus der Tuberkulose- Abteilung ausgesucht und ,, um die Ecke" geführt, das heißt zum Krema­torium. Das Aussuchen geschieht auf folgende Weise: Die Häftlinge werden aufgerufen und ,, zum Transport" aufgestellt. ( Als wenn die meisten nicht wüßten, wohin es ginge!) Man läßt sie sogar Decken und Schüsseln mitnehmen und was sie sonst an Kleinigkeiten besitzen. Sie werden gut angezogen. Die SS hilft ihnen sogar, die Jacken am Hals zuzuknöpfen, damit sie nicht frieren sollen! Sie nimmt sich ihrer an und ist geradezu nett zu ihnen, damit sie keinen Verdacht schöpfen sollen. Trotz der Wolldecken, der Schüsseln und der Kleinigkeiten sind die Kleider ohne ihre Besitzer vom letzten ,, Transport" auf die Blocks zurückgebracht worden. Und doch gibt es viele, die sich betrügen lassen und glauben, es ginge wirklich auf einen an­

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