mir verboten, wieviel mehr, den Verhaßten zu helfen! Die Gedanken jagten durch das Gehirn, ich erwog alle Möglichkeiten, aber überall stieß ich nur auf die Mauer, die Verbote, den Terror, die Büttel! Und die Vernunft, die kalte, widerwärtige Vernunft erzählte mir ohne Umschweife, daß diese Menschen des Todes. seien. Keiner könnte sie noch retten, nicht einmal die besten Ärzte in Friedenszeiten. Sie waren zu weit gekommen, sie standen ja bereits mit dem einen Bein weit drinnen im Totenreich. Ein einziger Gedanke festigte sich: Möge der Tod sie bald holen! Mögen sie doch diesen Abend noch in die Gaskammer geführt werden, damit diese unmenschlichen Leiden und Peinigungen zu Ende wären! Hätte ich Veronal in unbegrenzten Mengen gehabt, ich hätte es an Hunderte wie Brot ausgeteilt, im Bewußtsein dessen, eine gute Tat getan zu haben die einzig mögliche.
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Ich zog dem halbtoten Juden die Hose hoch, befestigte und ordnete seine Kleider, so gut es ging, nahm ein Taschentuch und trocknete das Blut aus seinem Gesicht. Sie stierten mich nur an, alle beide, mit großen, verwunderten Augen. Dann hob der eine mühsam seinen Arm er mußte alle seine schwindenden Kräfte dazu aufbieten ließ ihn in der Höhe meines Kopfes sinken, und langsam glitt seine verknöcherte Hand an meinem Gesicht hinab. Das war seine letzte Liebkosung, und er gurgelte etwas, was sein Freund übersetzte: ,, Er sagt, Sie seien ein anständiger Mensch!" Dann rutschte er an der Wand entlang hinunter auf die Erde, und ich glaube, daß er dort gestorben ist. Aber ich weiß es nicht, denn ich beeilte mich, fortzukommen, während die Schamröte mir im Gesicht brannte. ,, Ein anständiger Mensch!" Ich, der es nicht einmal gewagt hatte, zu versuchen, diesem besinnungslosen, unwissenden, wahnwitzigen Jungen in seiner himmelschreienden Schande und Ungerechtigkeit Einhalt zu gebieten. Ich, der es nicht einmal gewagt hatte, ins Lager hinauszugehen und Essen für diese hungrigen Skelette zu sammeln! Arme, einfältige, leidende Seele, mir galten ihre letzten Liebkosungen, ihr letztes Lächeln, ihre letzten Worte: ,, Ein anständiger Mensch." Ach, wenn ich mich doch nur einmal wieder aufrichten könnte
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