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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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war heruntergeglitten, so daß die streichholzdünnen Schenkel sichtbar waren, und durch einen Riẞ im Hemd sah man seine Rippen. Ich neigte mich über ihn, faßte ihn unter den Armen und hob ihn auf. Er war leicht wie ein Kind. Wolfberg, der in einiger Entfernung stand, rief mir zu, ich dürfe das nicht tun, es nütze nichts, ich solle vorsichtig sein. Der arme Wolfberg; selbst einer von ihnen, war er noch abgehärteter, noch gefühl­loser geworden. Ihm machte es gar nichts aus, das anzuschauen. Das war Alltag, ganz gewohnte Kost! Ich schleppte den Juden an die Wand und stützte ihn dagegen, dort kam er wieder zu sich. Er schaute mich mit ein paar Augen an- ach Herrgott, was für Augen! Alles Weiße war rot, und das Rote floẞ die Wangen herunter, die braunen Pupillen waren matt, als wenn eine Haut über sie gezogen sei, und die großen Augenlider hingen schwer darüber. Er gab einige gurgelnde Laute von sich. Ich dachte, er habe Atemnot , und versuchte, ihn aufzu­richten. Die gurgelnden Laute kamen immer noch, jetzt regel­mäßiger, es hörte sich an, als wenn er erwürgt würde. Aber es war, weil er weinte, weinte wie ein Kind. Ein Freund von ihm, der lange nebenan gestanden hatte, kam und half mir, ihn zu halten. Er erklärte mir, er habe gedacht, ich wolle seinen Freund aufrichten, um ihn zu schlagen. Er glaubte nicht, daß es wahr sei, daß ich ihm nur helfen wolle. Ich war ja kein Jude. Was ich sei? Norweger! Er lächelte, und etwas, das ein Lächeln be­deuten sollte, erschien auch im Gesicht des Freundes, einige groteske Grimassen und ein verstärkter Strom gurgelnder Laute. Ich schämte mich wie ein Hund. Was sollte ich sonst tun?

Diese Juden, beide zu Krüppeln geschlagen( dem Freund, der hinzukam, strömte das Blut aus dem Gesicht)- von meinen Rassegenossen waren sie so zugerichtet, meine Rasse­genossen waren es, die sie so behandelten, ihre Mitgefangenen! Und hier standen sie und lächelten, glücklich darüber, das eine Wort ,, Norweger " zu hören, während ich machtlos stand. Nie habe ich es früher tiefer empfunden, was es heißen will, machtlos in des Wortes wahrster und vollkommenster Be­deutung zu sein. Allein dort anwesend zu sein, wo ich war, war

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