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Weihnachtsprogramm weiter ab. Es wurde gesungen, ein Sprechchor trat auf, Prologe wurden vorgetragen, Gefangene von anderen Blocks kamen zu Besuch. Kurz, es herrschte Weihnachtsstimmung, gab Essen und Trinken. Und viele Betrunkene. Alle prominenten Blockältesten, Vorarbeiter und ihre Gruppen hatten sich Trinkwaren beschafft, Gott weiß, wie und woher. Sie tobten in ihrem Zustand durch das Lager, schlugen Krach auf den Blocks die ganze Nacht hindurch.
6. Januar 1945
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Dieser Tage, während ich von meiner Arbeit weg war, war einer von den Grünen, wahrscheinlich Follmann, an meiner Schublade gewesen und hatte das letzte Blatt des Tagebuches herausgenommen. Es stand nichts darauf, was nicht jeder lesen konnte, aber es ist doch unangenehm. Später erfuhr ich, daß Follmann bei einem Norweger in der Nachbarwerkstatt gewesen war, um das Blatt übersetzen zu lassen. Er hatte ihm gedroht, es würde nichts nützen, verkehrt zu übersetzen die Sache würde auf alle Fälle weitergeleitet. Das Blatt enthielt, wie gesagt, nichts Gefährliches, nichts über die SS, nichts über das Lager, nur über Frode und meine Arbeit. Außerdem eine kleine Neujahrsrevue, die wir angefertigt hatten, und etwas über Kaffee. Die Franzosen im Lager bekamen nämlich an Weihnachten Kaffee. Monat um Monat hatten sie auf die französischen Rote- Kreuz- Pakete gewartet, und nun kamen sie an- endlich! Mit zitternden Knöchelhänden und in hungriger Erwartung öffneten sie die Pakete und fanden außer Keks, Pralinen und kleinen französischen ,, Raffinements"- ein halbes Kilo Kaffee! Doch eigentlich ein Hohn für Muselmänner, die gehofft hatten, sie bekämen Essen!- Essen! Aber die Norweger hatten Essen, Wurst, Speck, Käse, Sardinen. Ein wütender Tauschhandel begann. Kaffee! Echter Kaffee! Es war wundervoll. Frode und ich liefen mehrere Tage im Koffein- Rausch herum, nachts schliefen wir nicht, wir dichteten nur und schrieben. Es war eine Art Fieber, eine merkwürdige Reaktion auf all das Traurige und Schwere, auf die Kälte und das Dunkel
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