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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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der Zigarette im Mundwinkel zum Appellplatz hinunter­spazierte, bot sich mir ein unheimlicher Anblick. Aus dem Revierblock Nr. 2 wurden zwei Skelettleichen hinausgetragen und auf eine Bahre gelegt, die vor der Tür auf der Erde lag. Die Leichen, die steif gefroren waren und deren Arme und Beine sich in alle Richtungen spreizten, sahen grotesk aus mit ihren offenen, starrenden, gebrochenen Augen. Die beiden Träger bogen und brachen die Arme und Beine so zurecht, daß sie sich an die Körper anlegten und so besser auf der Bahre lagen. Sie wurden aufeinandergelegt, der Platz war zu schmal für zwei nebeneinander. Die Träger rauchten Zigaretten und spaẞten und lachten wie alle die anderen, die vorbeigingen oder herumstanden. Es war ja der erste Weihnachtstag, und wir hatten frei, und das Wetter war schön. Ich wandte mich um und ging weiter, da wurde eine ähnlich starrende und spreizende Leiche von Block Nr. 1 herausgetragen. Dieser Arme war an­scheinend noch nicht lange tot, denn seine Glieder ließen sich leichter zurechtbiegen, aber die Augen starrten wild und un­heimlich weit drinnen aus den tiefen Augenhöhlen heraus. Es ist ein sprechender Beweis dafür, wie wir geworden sind, daß die meisten von uns überhaupt nicht auf eine solche ,, Weihnachts­morgenidylle" reagieren. Wir rauchen weiter, unterhalten uns über den Verlauf des Krieges, über das Weihnachtsprogramm, über das Mittagessen. Dem Ganzen opfern wir vielleicht ein paar kurze Worte wie: ,, Wie schrecklich", und dann schütteln wir es wieder von uns ab.

Es war ein langdauernder Weihnachtsappell bei beiẞender Kälte. Selbst in warmen schönen Kleidern und schwedischen Skistiefeln mit Sohlen und Wollsocken darin wurde es kalt und es tat gut, nachher auf dem Block an einen warmen Ofen zu kommen, etwas Heißes zu genießen und zu fühlen, daß man einen ,, freien Tag" hatte. Es gab hunderte, die auf diesem Appell in leichten Lagerlumpen standen, ohne Unterwäsche, an den Füßen Holzplatten, und zwei von diesen hunderten sind an diesem Morgen erfroren. Wie viele den Gnadenstoẞ bekamen, weiß man nicht.

Am Abend des ersten Weihnachtstages wickelten wir unser

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