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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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sächlich daher, daß Frode und ich ganz freiwillig in einen hektischen und intensiven Arbeitsrausch hineingerieten. Wir stellten im Laufe der wenigen Tage, die uns bis Silvester noch zur Verfügung standen, eine ganze Neujahrsrevue her. Aber erst einige Worte über Weihnachten :

Es wurde ein langes und ausführliches Programm für Heiligabend aufgestellt mit Reden, Liedern und Unterhaltung. Ich war in keinem Komitee, aber ich wurde gefragt, ob ich nicht etwas zur Unterhaltung beitragen wolle. Ich schlug es nicht ab, obwohl ich alles andere als dazu aufgelegt war. Unsere Baracke war von fleißigen ,, Nachtarbeitern" deko­riert und geschmückt worden mit Malereien von norwegischen Landschaften, Wichtelmännern usw. Mittlerweile wurde unser an die SS- Leitung gerichtetes Gesuch, Weihnachten nach vor­gelegtem Plan zu feiern, glatt abgeschlagen. Die Antwort waren dicke rote Striche über jede einzelne Programmnummer des Gesuches unter Zusatz eines in Wut und Ärger geschriebenen roten NE IN. Kein Weihnachtsevangelium, keine Reden, keine Unterhaltung. Nur deutsche Lieder sollten gesungen werden. Jawohl! Wir führten unser Programm ungekürzt durch, nur den Pfarrer mit dem Weihnachtsevangelium ließen wir aus. Frode hielt eine Rede. Wir nahmen eine gemeinsame Mahlzeit ein, bestehend aus Butterbroten, Lagerbier, Keks, Knäckebrot und Rauchwaren. Es wurde gemeinsam gesungen, sogar auch solo, es wurde vorgelesen, man brachte einen Prolog und ver­schiedene Späße. Den Höhepunkt bildete jedoch in diesem Jahr wie im vorigen Arnulf Överland mit einem großartigen Gedicht, das er selbst vortrug. Es enthielt dramatische Kon­traste, große Visionen, Innerlichkeit, Wärme, Haß, Kälte: es war ein Meisterwerk. Und es war ein großes Erlebnis, es hier zu hören, mitten in dieser Hölle, wo es geschaffen wurde.

Der ,, Großmut" der Deutschen anläßlich dieses Tages er­streckte sich bis halb elf Uhr, dann mußten alle zu Bett gehen. Aber am ersten Weihnachtstag hatten wir frei. Erst um Viertel vor neun Uhr war Appell. Ganz fabelhaft generös!

Als ich gut ausgeschlafen, satt und zufrieden am folgenden Tag in den klirrend kalten Wintermorgen hinauskam und mit

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