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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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vor seinem Schrank und, soweit ich in Erfahrung gebracht habe, andere auch nicht. Aber sie bekommen ja auch nicht so viele Pakete, haben nicht so viel zu hamstern. Kamerad­schaft, ja wir sind herrliche Kameraden! Im Namen Nor­wegens ! Als wenn nicht auch wir stehlen. Auf unserem Block allein wurden in letzter Zeit ein ganzes Schwedenpaket und ein ganzes Dänenpaket gestohlen, und zwei Schweizerpakete waren geöffnet und wieder verschlossen worden, nachdem man die Zigaretten entnommen hatte. Dazu wird noch täglich aus Schränken und Taschen gestohlen. Als wenn nicht auch wir Egoisten und neidische Leute unter uns hätten! Ein Norweger der ersten Gesellschaft hatte derart gehamstert in seinem Bett, in Schachteln, im Schrank, daß man der Sache nachging. Es war ungeheuerlich, was er alles hatte! Dann hieß es, er sei krank. Denn er war Norweger - und kein Jude, kein Ukrainer, kein Russe, kein Pole. Wenn ein ,, anständiger" Norweger stiehlt, dann ist er leider ,, kleptoman". Es ist schade um den lieben Mann, wer hätte das von ihm geglaubt! Selbstverständ­lich ist er krank. Er ist von einer häßlichen und gefährlichen Krankheit befallen- aber warum sollen wir sie mit einem feinen Namen schmücken? Es gibt auch ,, unanständige" Norweger , solche, die auch früher gestohlen haben. Aber sie bleiben allein mit ihrer Schande und ihrem Elend. Es fällt keinem ein, die Verantwortung mit ihnen zu teilen oder zu denken, daß etwas von der Schande auch auf ihn fällt. Bei weitem nicht! Aber die Schande eines einzigen Juden sei er nun ,, anständig" oder ,, unanständig"- verteilt sich gleichmäßig auf sein ganzes Volk. Und so ist es heute auch mit den Polen , Ukrainern und zum Teil auch mit den Russen hier im Lager. Das ist grundsätzlich ,, Schweinepack". So sieht unsere Gerechtigkeit aus- Schein­heiligkeit.

Ich sprach mit einem Norweger , der einmal auf dem Flügel gewohnt hatte, von dem ich eben schrieb. Er hatte nie ein Vor­hängeschloß vor seinem Schrank, und die ganze Zeit, während er dort wohnte, wurde nie etwas aus seinem Schrank ge­stohlen. Aber er verschenkte, teilte mit seinen Kameraden, mit Juden und anderen. Das erfuhr ich hinterher von anderen.

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