Druckschrift 
Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
218
Einzelbild herunterladen

handlungen vorgenommen- diejenigen, die Pech hatten an der Stanzmaschine, am allerwenigsten.

Mein Vertrauensmann hatte gerade an jenem Freitag mit dem Holländer zusammen im Waschraum gestanden. Der Hol­länder erzählte und machte Spaß, wie es seine Art war. Und dann verkündete er u. a., es sei seine sichere Überzeugung, daß der Krieg bald zu Ende sein werde und daß er zu Weihnachten nach Hause kommen würde. Als sie zum Appell hinausgingen, trafen sie einen SS- Mann, der mit einem Papier in der Hand herumlief und einen Namen rief. Es war der Name des Hol­länders. Er meldete sich, wurde an der Schulter gepackt und geradenwegs zum Galgen hinaufgeführt, der, ohne daß man davon wußte, auf dem Platz errichtet worden war. Ein ,, Urteil" wurde verlesen, und wieder wurden zwei Morde begangen. Der andere Holländer, der mit Handschellen gefesselt war, kam von der Nachtschicht und war mit dem ,, Galgenwagen" herausgekommen. Beide Männer waren imponierend ruhig und gefaßt geblieben bis zum letzten Augenblick. Der Junge, von dem ich gerade erzählt habe, trug keine Handschellen. Seine ,, freien" Hände benutzte er dazu, das Brett zurechtzulegen, auf dem sie stehen sollten, während ihnen der Strick um den Hals gebunden wurde. Es lag nicht ganz fest. Einen letzten Gruß sandte er noch an seine Kameraden, ehe er fiel.

Ich glaube, ich habe vergessen, zu berichten, daß am Mitt­woch vergangener Woche, am Tage bevor die erste Hin­richtung beim SS- Waffenamt stattfand, ein Mann im Lager er­hängt wurde. Ein BV- Mann, der als Partisanenkämpfer draußen gewesen war. Er war geflohen und wieder geschnappt worden, war also hier ausmarschiert bei Musik und Trommel­wirbel, um für das Vaterland in den Krieg zu ziehen. Und jetzt wurde er hierhin zurückgebracht, um sein Leben am Galgen zu lassen als Warnung und Schreck für andere, die daran denken sollten, etwas Ähnliches zu versuchen, wenn sie an der Reihe sind. Um dieser Feierlichkeit beizuwohnen, wurden wir zum Appell zusammengerufen. Sonst gibt es jetzt keinen Abend­appell mehr. Ja, tatsächlich nicht- und das ist eine phanta­stische Erleichterung, ein Riesenvorteil, den ich eiligst hätte

218