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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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Köpfe reichte, ohne daß wir als‚Schuhputzer benutzt wurden von denen, die auf der Innenseite der Bank saßen und hinaus- oder hineinwollten und mit ihren schweren holzgesohlten Stiefeln über die Bänke gingen verschmiert und verstaubt. Nein, jetzt haben wir es wirklich großartig!

17. Mai 1944

Kälte und Regen, Regen und Kälte! Ich denke daran, wie gespannt wir als Kinder waren, ja noch als Erwachsene- ob das Wetter am 17. Mai wohl schön werden würde! Wie traurig war es doch, wenn der Tag mit Regenwetter anfing, wie enttäuscht waren wir, wenn wir unsere Sonntagspracht. nicht anziehen konnten: den Strohhut, die neuen Schuhe, die Söckchen, den dünnen Sommeranzug! Wie freuten wir uns doch, im Kinder- zug zu gehen die Karl-Johann-Straße hinauf bis zum Schloß. Auf den Zug der Abiturienten, auf all die ausgelassene gute Laune und den Jubel! Wie weit verschwand doch alles, was un- erfreulich, grau und traurig war, an jenem Tag. Hier ver- schwindet das nicht. Hier hält es sich, und jeder Tag gleitet hinein in die Reihe der anderen- ohne Fest, ohne Freude, ohne jeden Jubel. Aber vielleicht werden wir doch diesen 17. Mai in der Erinnerung behalten- lange Zeit. Gerade in dieser grauen Wüste, in dieser traurigen Umgebung und auf diesem dunklen Hintergrund, den wir heute haben, wird der Tag sich vielleicht nach und nach deutlich in unserem Gemüt abzeichnen. Er wird die Grundlage geben für einen mahnenden Ernst, für einen neuen wertvollen Inhalt, der sich sicher einmal ausdrücken wird in einer tiefen und reichen Freude.

Sonst gibt es nichts Neues. Es geht voran in Italien Auf- marsch an der Ostfront. Es wird gebombt und gebombt. Heute nacht hatten wir Fliegeralarm. Ich bin Brandwache geworden und war deshalb auf. Sonst geschah nichts. Wir warten und warten.

18. Mai 1944

Es ist immer noch still, immer noch Regenwetter. Gestern abend hatten wir eine kleine Siebzehnten-Mai-Feier auf dem

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