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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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dem kann man ohne Untertreibung sagen, daß die Arbeits­leistung zwischen Null und fünfundzwanzig Prozent unter einer Normalleistung liegt.

Bei dem überwiegenden Teil der SS - Leute sind Zustand und Stimmung schlapp und gleichgültig. Sie pfeifen auf alles. In bezug auf Sabotage und Faulheit sind sie führend. Ich selbst mache zur Zeit gar nichts. Ich liege ab und zu draußen auf einem Brett in der Sonne und schlafe. Heute kam ein ein­beiniger SS - Invalide und weckte mich. Er riet mir, mich wo­anders hinzulegen, wo mich niemand sehen könne, und empfahl ein großes Lastauto, das mitten auf dem Platz stand. Frode, den er auch weckte, und ich folgten seinem Rat und legten uns eine Weile in jenes Auto. So sind wir. Unterdessen schuften sich andere in anderen Kommandos tot und sterben vor Hun­ger und Unterernährung. Das einzige, was wir tun können, ist, kalt und nüchtern festzustellen, daß wir Glück gehabt haben, viel Glück. Wir führen ja das reinste Faulenzerleben unseren Einsatz wird kein Krieg gewonnen.

durch

16. Mai 1944

Die Gerüchte schwirren immer noch und erreichten den Höhepunkt am Sonntag, als die Invasion im Norden, Süden und Westen bekanntgegeben wurde. Der Montag brachte wie immer die kalte Dusche, und doch ist es, als wenn irgend etwas in der Luft läge. Ich werde das Gefühl nicht los, daß es bald im Ernst krachen wird, und jetzt ist nicht länger nur der Tabak oder der Brief von Kari daran schuld.

Erik, Frode und ich sowie Finn Aanesen, der in letzter Zeit ,, im Spind" gewesen ist, sind vom B- Flügel auf den A- Flügel über gesiedelt. Jetzt ist nämlich der ganze Block norwegisch geworden. Eine Reihe Gefangener verschiedener Nationen sind ausgezogen. Wir haben es schön bekommen, haben großartige Betten und wirklich reichlich Platz am Tisch. Zum erstenmal seit über einem halben Jahr haben wir uns hinsetzen und ruhig essen können, ohne daß wir bei jedem Bissen an den Nachbarn gerieten, ohne daß wir mit Breiklecksen und Suppenspritzern beträufelt wurden von all den Schüsseln, die man über unsere

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