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eine ohrenzerreißende
Bahre mit der Leiche nahmen, und Tanzmelodie aus den Lautsprechern überall im Lager. Als ich von meinem Besuch zurückkehrte, lag die Leiche immer noch da, und der Strom der Gefangenen ging nach der anderen Richtung daran vorbei- ebenso lärmend und schwatzend wie vorher. Die Lautsprecher schrien los auf die gleiche Weise, der rasende Pförtner- Gefangener wie wir anderen- war dabei, einen armen Ukrainer zu schlagen und auszuschelten, und das blauschwarze Gesicht der Leiche stierte hinauf in den regnerischen Himmel. Drinnen sah es nicht besser aus. Überall lagen todkranke Menschen. Bei einigen war es beinahe so weit- sie lagen nur und kämpften mit den letzten Regungen von Leben. Von draußen hörte man das Brüllen und die grotesken Rhythmen der Lautsprecher. Plötzlich kam der Block älteste in den Raum gestürzt und schrie wie ein Rasender, daß die Besuchszeit um sei und im Krankensaal absolute Ruhe herrschen müsse. Die Besucher hätten zu gehen! Darauf besiegelte er seinen Befehl mit einigen Kraftausdrücken, die an einen Patienten gerichtet waren, der irgend etwas tat, was wohl verboten war. Endlich knallte er die Türe mit Gepolter zu und verschwand. Ich nahm Abschied von Henry und ging wieder ,, nach Hause"- vorbei an der Leiche auf der Bahre, hinaus in die Schlange der Mitgefangenen, hinein in das Gedränge in der Baracke. Was für ein Leben!
August, der Elektriker, der der eigentliche Oberarzt und Diktator auf dem Revier war, und der viele, viele Leben auf dem Gewissen hat, wurde dieser Tage in seinem Raum in flagranti mit einem kleinen Ukrainerjungen geschnappt. Er wurde umgehend auf Transport weggeschickt. Viele atmen erleichtert auf, aber das Leben geht seinen schiefen Gang weiter. So etwas gehört auch mit zur Tagesordnung.
25. Februar 1944
Ich glaube, ich schrieb neulich, es passiere nichts. Das ist bestimmt eine Wahrheit, die sehr verschieden aussehen kann. Der Rauch aus dem Schornstein des Krematoriums steigt ohne
10 Nansen
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