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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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gegessen(Kari schickte sie mir in einem Paket) in der Hoffnung, daß es helfen sollte. Ich habe wenig Glück gehabt in den letzten Tagen, als ich verschiedentlich versuchte, aufs Revier zu kommen. Ich schaffe es nämlich nicht, lange auf einmal Schlange zu stehen. Immer wieder muß ich weglaufen nach einem gewissen Ort. Es ist auch‚spannend, beim Appell zu stehen, aber bis jetzt habe ich es ganz gut geschafft.

Man hat Geld gesammelt für die Muselmänner des Lagers. Der Kommandant hat das veranstaltet. Es heißt, es sei frei- willig, aber alle sollten einen Betrag zeichnen, der zum Einkauf von Essen aus der Kantine verwandt werden soll. Erstens gibt es in der Kantine wenig oder gar nichts von besonderem Nähr- wert, zweitens haben sie blutige Preise, und drittens bedeutet es nur, daß die SS Geld nötig hat. Das Ganze ist ein Schwindel, darauf angelegt, unser Geld zu bekommen auf eine scheinbar ehrenhafte, ja, sogarhochsinnige Weise.

22. Februar 1944

Samstag- wieder kein Brief. Der letzte Brief, den ich von Kari bekam, war am ı2. Dezember geschrieben. Was mögen sie wohl mit meinen Briefen machen? Sie werden sie wahr- scheinlich nur wegwerfen! Was spielt das auch für eine Rolle, ob ein Häftling ohne Verbindung mit seinem Heim ist?

Mit meinem Durchfall ist es nicht besser. Ich war bei Dr. Glöersen, und er bot mir an, mich aufs Revier zu legen. Ich hätte Ruhe und Wärme nötig, sagte er. Aber auf dem Revier würde ich ja nur liegen und frieren, denn es ist nicht erlaubt, Kleider mitzunehmen. Ich bedankte mich darum. Ich will ver- suchen, mich außerhalb des Krankenhauses durchzukratzen so recht und schlecht, wie es eben geht. Als ich gestern Henry besuchen wollte, kam ich an einer Bahre mit einer Leiche vor- bei, die man mitten auf den Weg hingesetzt hatte. Ein Zipfel der Decke war weggeweht und enthüllte ein grinsendes, blau- schwarzes Gesicht, abgemagert und stierend. Bin schreckliches Gesicht. Die Begleitung zu dieser Idylle bildete ein ständiger Strom schwatzender Gefangener, die keine Notiz von der

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