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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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Unterlaß in die Luft, Tag und Nacht. Viele, viele Menschen werden täglich erschossen oder auf andere Weise umgebracht. Der junge russische Kriegsgefangene, den ich neulich traf und mit dem ich mich am Sonntag auf dem Revier ein wenig unterhielt, wurde am Tage danach zusammen mit seinen drei Kameraden, die auchgestanden hatten, daß sie Juden seien, erschossen. Der Lohn für ihreEhrlichkeit bestand also darin, daß ihr Leben um einige Tage verlängert wurde.

Es ist gefährlich geworden, auf dem Revier zu sprechen. Man hat jetzt ein besonderes Spionagesystem eingeführt, um zu erfahren, was die Gefangenen wissen und worüber sie sich in bezug auf Kriegsnachrichten und Politik unterhalten. Man muß den Mund halten und vorsichtig sein. Bei einem Hol- länder hat man ein Tagebuch gefunden. So etwas kann zu einer Katastrophe führen. Ich überlege, ob ich nicht aufhören soll. Ich werde das angefangene Buch zu Ende führen und dann jedenfalls eine Weile aussetzen. Durch solche Vorkomm- nisse wird man unweigerlich etwas nervös.

Eine tolle Schiebungsgeschichte hat man im Lager aufge- deckt, aber sie ist wieder totgeschwiegen worden, weil eine lange Reihe von SS -Leuten und anderen Prominenten darin verwickelt war. Der türkische Militärattach& wurde vor einiger Zeit verhaftet und saß eine Woche hier im ‚‚Bunker. Er hatte von einem Hauptscharführer über 200 Juwelen und dazu 120000 Dollar gekauft. Diese hatte er in der türkischen Nationalbank angelegt. Der hiesige Kommandant erzählte ihm, daß das alles gestohlene Werte seien, die die Gefangenen hier im Lager hätten, und forderte ihn auf, alles wieder zurück- zugeben. Der Militärattache erklärte sich dazu bereit, jedoch unter der Bedingung, daß er eine klare Erklärung darüber er- halte, wo die Werte herstammen, wem sie gehören und wie es möglich sei, daß Gefangene in einem Gefangenenlager in den Besitz solcher Dinge gelangen könnten. Daraufhin wurde die Angelegenheit totgeschwiegen, der türkische Militärattach® wurde freigelassen. Leute von zwei anderen Gesandtschaften sollen auch darein verwickelt sein. Die Sachen hatte ein SS-

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