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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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amüsieren sich, zeigen auf das Feuerwerk und heulen vor Freude. Eine große Phosphortraube, die majestätisch und un- heimlich in das Inferno hinabgleitet, löst Kaskaden von be- geistertem Geheul aus. Die Laute, mit denen sie dort, wo sie hinfällt, empfangen wird, werden anderer Art sein. Hundert- tausende von Menschen warten in entsetzlicher Todesangst darauf, lebend verbrannt oder in Stücke zerrissen zu werden von Bomben, die überall vom Himmel fallen. Können Men- schen durch solche Nächte hindurchkommen und immer noch Menschen sein hinterher- und können sie weiter wie gewöhn- liche Menschen fühlen und reagieren? Können sie wieder ein Heim aufbauen, Kinder gebären, das Leben weiter leben? Das ist es ja, das wir glauben müssen daß sie es können! Wenn nicht, dann ist dieses hier ja der Untergang. Mit solchen Ge- danken ist es unmöglich, über Bomben zu jubeln, die vom Himmel fallen- selbst wenn sie über Berlin fallen- und selbst, wenn es die Deutschen sind, die es trifft.

Heute mittag war wieder Fliegeralarm. Aber er dauerte nur einige Minuten. Sie wollten wahrscheinlich etwas von den nächtlichen Zerstörungen photographieren. An den Fronten geht es immer noch gut voran. DerVölkische Beobachter war gestern ganz großartig. Goebbels brachte einen Artikel für die Berliner , der alles, was er sich früher an hohlem Pathos und ekelhafter Propaganda geleistet hat, noch übertrifft. Der Artikel war geprägt von Panikstimmung, und zwischen den Zeilen konnte man die größten Eingeständnisse herauslesen.

Darunter fand man einige Verordnungen aufgezählt: Die Banken haben ihre Arbeit eingestellt.- Kein Berliner darf Berlin verlassen- alle müssen sich sofort auf dem Arbeitsplatz einfinden. Als Entschädigung soll es zehn Zigaretten extra geben oder zwei Zigarren zu dreizehn Pfennig und eine Son- derfleischkarte mit 200 g Fleisch und noch 50 g Fleisch dazu in jeder der kommenden Wochen. Alles das konnte man lesen. Das Essen und der Tabak spielen also auch für die Deutschen eine Rolle.-