28. November 1943
Vorgestern kamen dreihundert Berliner als Gefangene ins Lager. Gestern kamen dreiunddreißig. Alle wurden erschossen. Das sagt mehr als Worte über die Lage und die Stimmung auf beiden Seiten. Diese Menschen hatten wohl auf irgendeine Weise Verordnungen verletzt oder ganz einfach gegen die SS demonstriert. Keiner weiß das. Es heißt natürlich, daß sie gestohlen hätten, oder etwas Ähnliches, und vielleicht werden sie sogar zu den Umgekommenen gerechnet. Folgende Episode, die sich gestern ereignete, gibt einen Eindruck von der Stimmung hier im Lager: Auf einem der Kommandos, die außerhalb des Lagers arbeiten und von Wachtposten bewacht werden, hatte einer der Gefangenen, ein Deutscher, erwähnt, daß dreihundert SS - Leute als Gefangene in das Lager gebracht worden seien. ,, Vorgestern waren sie SS- Soldaten, heute sind sie Gefangene, so kann es auch euch ergehen“, sagte er. Der Wachtmann erhob sich und ging in einen anderen Raum. Dies geschah in einer Mittagspause, drinnen in einer Baracke. Ein Norweger saß neben dem deutschen Gefangenen, der jenen Ausspruch getan hatte. Plötzlich hörte man zwei Schüsse, und der Deutsche fiel zusammen- tot. Er war durch die Wand hindurch erschossen worden. Etwas später kamen einige SSUnteroffiziere dazu. Sie äußerten dem Mörder gegenüber, daß er doch ebensogut den ganzen Haufen den gleichen Weg hätte gehen lassen können. Damit hatten sie sich mit der Handlung und dem Mord einverstanden erklärt und alles in Ordnung befunden. Die Leiche wurde aus dem Wege geschafft, und der Fall war erledigt! Aber was haben wir in Zukunft zu erwarten, wenn Raserei und Angst um sich greifen, während das Netz sich nach und nach um die Mörder zusammenzieht?
Aber es ist Sonntag. Wir sollen aufhören, nachdem wir den ganzen Tag nichts getan haben. Wir haben aus der Schreinerei kein Arbeitsmaterial bekommen.
Heute nachmittag ist Kabarettvorstellung auf Nr. 23. Und im übrigen muß ich noch zu den Juden gehen.
8 Nansen
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