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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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wird er vollkommen absurd. Wir sind, was uns betrifft, froh, solange wir hier auf dem Arbeitsplatz sein dürfen. Hier haben wir doch etwas Ruhe, etwas Gelegenheit, wir selbst zu sein. Das, wasFreizeit sein sollte, ist in Wirklichkeit die an- strengendste Zeit des Tages. Ja, ohne Zweifel.

27. November 1943

Es kam ein furchtbarer Fliegerangriff, nachdem wir wie üb- lich um halb neun zu Bett gegangen waren. Er dauerte bis halb elf. Er war näher als alle vorhergehenden Angriffe und wirkte darum stärker auf uns. Und es war strahlend hell, so daß das ganze mächtige Schauspiel sich vor unseren Augen auf dem Himmelsgewölbe entfaltete. Es ist schrecklich, es zu sagen, daß ein solches Schauspiel schön ist. Das Strahlenspiel der Scheinwerfer auf dem Himmel, Hunderte von Granat- explosionen zusammen mit gelben, grünen und roten Leucht- zeichen- und dann der unheimliche Phosphor, den sie herunter- werfen und der langsam wie blutrote oder grüne Trauben auf die Opfer dort irgendwo auf der Erde fällt. Es ist lange Zeit auf einmal taghell draußen nur von dem Widerschein der großen Bombenexplosionen. Oder es hängen Leuchtbomben in Fallschirmen am Himmel und werfen ein mondschein- ähnliches scharfes Licht über weite Gebiete. Wir sahen Flug- zeuge, die von den Scheinwerfern eingefangen, aber keine, die abgeschossen wurden. Sie kamen in Wellen unter ohren- betäubendem Lärm. Nicht weit vom Lager entfernt liegt starke Flak. Die Geschosse brachten die Baracken zum Beben, daß es schien, als wenn sie auseinanderfliegen sollten, und jedesmal, wenn sie kamen, oder jedesmal, wenn eine Bombenexplosion den Boden erschütterte, wurde es still in den Betten. Worüber unterhalten sich nun die meisten- während sie sich mitten in der Feuerlinie befinden- dort, wo das Schicksal von Tausenden von Menschen entschieden wird- ja, dort, wo es um das Sein oder Nichtsein unserer Kultur geht? Über das Essen! Ja, noch- mals über das Essen! Man fragt sich, ob wir wohl jetzt noch Eßpakete bekommen können! Andere sind wie jubelnde Kinder,

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