Druckschrift 
Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
88
Einzelbild herunterladen

Juden losschießen würden nach bestem deutschem Muster. Sie schelten sie aus wegen ihrer angeblichen Schwindeleien, Moge­leien, Gier, Egoismus und all dem, womit die Mitmenschen heute alle Juden behängen. Mit keinem Gedanken würden sie die Tatsache streifen, daß sie selbst vielleicht genau so schlimm sind, genau so gierig und genau so egoistisch, daß sie selbst sich tatsächlich genau so tief erniedrigt haben. Es ist, als wenn auch sie das deutsche ,, Herrenvolkbewußtsein" angenommen hätten. Wir Germanen! Ja, ein Norweger sagte mir neulich, als wir über das Kriegsende und den eventuellen Zeitpunkt unserer Rückkehr nach Norwegen sprachen: ,, Für uns Ger­manen wird selbstverständlich zuerst gesorgt werden." Ich drang in ihn und es stellte sich tatsächlich als seine Meinung heraus, daß das nur normal sei. Ein langsam schleichendes Gift dringt in die Gemüter. Dieser Krieg muß bald zu Ende gehen, wenn nicht zu vieles zugrunde gehen soll. Denn dies hier sind Untergangssymptome.

-

1. November 1943

Gestern war Sonntag, und zum ersten Male war er wirklich eine kleine Abwechslung in der Reihenfolge der Tage. Ich merkte tatsächlich, daß der halbe Tag frei war! Nach Tisch be­suchte ich zwei Fußballkämpfe; danach machte ich Kranken­besuche. Erst war ich bei Arvid. Ihm ging es gut, er war gar nicht sehr krank, aber wegen seiner Diphtherie muß er min­destens vier Wochen im Krankenhaus bleiben. Später besuchte ich Henry Hansen, der jetzt über zehn Monate gelegen hat- ständig zwischen Leben und Tod schwebend. Die Behandlung, die er hier im Anfang bekam, hat ihn fertiggemacht. Er ist anderthalb Jahre hier gewesen. Damals wurden die Häftlinge hier wie Tiere gehalten, ja schlimmer noch- wie Sklaven. Sie wurden geschlagen, getreten, zur Arbeit getrieben den ganzen Tag ohne Ruhe und mit unbeschreiblich schlechtem Essen. Damals bekamen sie keine Pakete von zu Hause. Henry Hansen hat viele schlapp machen und sterben sehen vor Hunger und Überanstrengung. Durch mein Gespräch mit ihm bekam ich einen Eindruck von den Verhältnissen hier, wie sie früher

88