waren. Wir können uns glücklich preisen, wir, die wir später gekommen sind. Jetzt ist es ja ganz anders. Es kommen immer noch Dinge vor, behüte! Aber das Lager ist so groß, hier sind so viele Menschen, es gibt so viele Möglichkeiten, etwas zu verdecken. Daß eines Tages zehn Mann im Lager erschossen wurden, haben wir nicht einmal gemerkt. Wir hörten nur gerüchtweise davon. Auch daß ein Mann neulich erschossen wurde, weil er sich dem Zaun näherte, wurde nur rein zufällig erwähnt. Eine hingeworfene Bemerkung, daß er wohl versucht habe, zu fliehen oder etwas Ähnliches, war alles, was dazu gesagt wurde. Als ich gestern das Krankenhaus verließ, begegneten mir einige Leute, die eine Leiche auf einer Bahre trugen. Es war die Leiche eines Deutschen, der gerade erschossen worden war. Er hatte versucht, zu fliehen. Ich muß gestehen, daß es keinen besonderen Eindruck auf mich machte. Warum auch? Ich hatte ihn nicht gekannt.
3. November 1943
Jetzt fabrizieren wir Spielsachen im großen Stil. Fünf Autos sind schon fertig. Fünf Hunde und fünf Krokodile liegen halbfertig auf dem Tisch vor uns, und die Einzelteile von fünf Puppenwagen liegen aufgestapelt auf einem Stuhl an der Wand. Wir haben immer noch kein richtiges Werkzeug. Holzschnitzerwerkzeug haben wir überhaupt noch nicht bekommen, so daß die Arbeit vorläufig ruht.
Aber das Wichtigste von allem ist, daß die Verbindung mit zu Hause hergestellt ist. Wir beide, Erik und ich, haben zwei Briefpostpakete bekommen mit„, Kleinigkeiten": Zigaretten, Butter, Käse, Knäckebrot. Herrgott, wie schmeckte doch die erste Zigarette von daheim himmlisch! Und die Molkereibutter war wie ein unwahrscheinlicher Traum. Unter uns dreien herrschte überhaupt eine Feiertagsstimmung sowohl gestern als vorgestern. Als die Pakete kamen und gleichzeitig hervor- moin ragende Nachrichten von der Ostfront einliefen, die von einem fabelhaften Vormarsch am Schwarzen Meer sprachen, wonach die Russen bald bei Odessa stehen und die Krim abgeschnitten
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