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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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zum Tode verurteilt und gelähmt zu sein, ehe sie überhaupt entstanden ist- ertrunken im Gedränge! Wir leben ja wie Sar­dinen in der Büchse, und selbst wenn es noch so erstrebenswert und noch so notwendig sein mag, seinen Mitsardinen zu helfen, damit sie nicht zu Tode gedrückt werden so ist es doch un­möglich, weil man ja selbst zum Schweigen und zur Unbeweg­lichkeit verurteilt ist. Jeder denkt an sich selbst. Jeder kratzt alles an sich, wenige teilen mit anderen. Die Norweger behan­deln im allgemeinen sogar einen Ukrainer schlimmer als zu Hause ihren Hund. Sie wissen, daß der Ukrainer hungert, alle wissen das, denn aus der Ukraine kommen keine Pakete. Sie denken nur nicht daran und jagen die Menschen fort, wie sie lästige Fliegen und Ungeziefer wegjagen würden. Es sind wohl die Ukrainer und Russen, die am schlimmsten betteln, was ja nicht verwunderlich ist, bei ihnen geht es ums Leben. Sie hun­gern, und wer würde sich nicht erniedrigen, wenn es so steht- wenn sich eine Gelegenheit böte, das Leben zu erhalten? Die Norweger taten das selber, damals, als es bei ihnen ums Leben ging. Bevor sie Pakete bekamen. Für ein paar Zigaretten, von denen die Norweger mehr bekommen als die andern, können sie von einem armen, tabakhungrigen Russen oder einem an­deren Mitmenschen eine ganze Brotration weglocken- eine ,, Brotkugel", wie man sie hier nennt. Ja, einige genieren sich nicht, mit Heringsabfällen zu handeln, die sie doch sonst weg­geworfen hätten und auf die Scharen von Muselmännern warten, um sie aus dem Abfallkasten herauszuholen. Nicht ein­mal das verschenken sie! Die Nächstenliebe reicht nicht einmal so weit, daß sie ihren Mitmenschen den Abfall schenken. Auch dafür müssen sie irgend etwas wiederbekommen. Es ist kein Wunder, daß unser Freund Alfred mit Bitterkeit und viel Ver­achtung und Hohn die Norweger beschuldigte ,,, schlimmer zu sein als armenische Juden!" Das ist ein Wort eines Ausländers, der lange Zeit mit uns Norwegern täglich zusammen gewesen ist und uns in allen Verhältnissen gesehen hat- unter Tausen­den von Mitgefangenen. Es ist ein hartes Urteil, aber ich fürchte, daß es nicht ohne Berechtigung gefällt ist. Es gibt nicht viele Norweger hier, die nicht im gegebenen Augenblick auf die

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