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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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wir es, Frode, Erik und ich, und das ist wie eine Befreiung, wie ein frisches Bad!

Aber ich wollte ja von unserer ‚Arbeit reden. Ich erzähle lieber etwas vom Verlauf des gestrigen Tages. Erst der Morgen- appell: Er beginnt im Stockdunkeln- gestern war sogar Nebel - und dauert, bis es heller Tag ist. Es ist schon eine langwierige Geschichte, siebzehntausend Menschen zu zählen. Besonders dann, wenn man es auf die hier übliche Weise macht. Wenn das Zählen endlich abgeschlossen ist, fängt es gewöhnlich an, hell zu werden. Dann müssen wir uns in Arbeitskommandos auf- stellen. Damit beginnt der zweite Teil des Morgenappells, der am längsten dauert. Sämtliche siebzehntausend Mann werden losgeschickt, und jeder muß sich zu seinem Kommando hin- finden. Will man sich eine Vorstellung davon machen, wie das vor sich geht, dann muß man sich einen Riesenameisenhaufen denken, durch den man mit einem Stock gerührt hat, so daß alle Ameisen aufgescheucht und durcheinandergeraten sind. Das gibt so ungefähr ein Bild der Lage. Es ist gerade kein Ver- gnügen, sich an Hunderten von Menschen reiben zu müssen und Schimpfen und Stöße, ja sogar Schläge entgegenzu- nehmen. Ich mag weder schimpfen, noch schlagen, noch treten - aber ich muß gestehen, daß ich mich manchmal kaum noch beherrschen kann. Es ist so beschämend, so unheimlich be- zeichnend dafür, wie man hier werden kann. Diese Artsich durchzuschlagen, diese ewige, abscheuliche, ohrenbetäubende Schimpferei! Ich glaube, daß das das Schlimmste ist.

Ich stolperte über einen kleinen Ukrainer, er murmelte etwas da unten in der Tiefe, blickte dann auf mit einem schmutzigen, traurigen Gesicht- mit bittenden, blauen Augen- dann ver- schwand er im Gedränge.

Auf diese Weise kämpften Erik, Frode und ich uns gemein- sam zum ersten Male- durch das Menschengedränge quer über den ganzen Platz dorthin, wo unser Kommando aufge- stellt stand. Es heißtKraftfahrzeug-Depot Wald oder KDW. Und dort mußten wir uns dann wieder aufstellen, um uns abermals abzählen zu lassen. Sie lassen keine Gelegen- heit zum Zählen vorübergehen. Im KDW bot sich reichlich

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