brechen könnte, habe ich vor mir stehen, aber sie werden mehr und mehr von einem Schleier der Unwirklichkeit verhüllt. Über allen Nachrichten, die von zu Hause kommen, liegt etwas Traumhaftes. Was uns hier unten umgibt, das ist ja die Wirk- lichkeit! Alles andere sind nur Träume und Illusionen! Ich entsinne mich, wie ich auf dem ‚‚Fallschirm‘“ saß und träumte. Es wäre mir gar nicht eingefallen, daß ich jemals mit Sehnsucht an den„Fallschirm‘‘ zurückdenken würde. Der„Fallschirm“ erscheint mir wie eine Idylle im Vergleich zu dieser Hölle. Onkel Lubbe wird zu einem liebenswürdigen Weihnachtsmann, und das tägliche Leben dort oben erscheint mir als etwas, das Inhalt und Sinn hat im Vergleich zu diesem Idiotenleben hier, wo man nur aufsteht, Kohlsuppe ißt, etwas in Holzschuhen herumläuft, etwas marschiert, während die Baracke„gereinigt“ wird, hineingeht und wieder mal schläft. Wieder mal herum- läuft.„Mützen ab!“ eine Weile vielleicht, noch mehr Kohl- suppe, noch mehr Schlaf, noch mehr Idiotie, weniger Optimis- mus— am meisten Kohlsuppe-, so daß man zuletzt das Gefühl hat, als wenn man in dieser stinkenden Kohlsuppe eingeweicht gewesen sei.
16. Oktober 1943
Endlich gab es mal wieder Wolken am Himmel. Dieser wolkenlose klare Himmel fing an, auf die Nerven zu gehen. Wie alles andere auch. Es ist jetzt milder, aber immerhin noch bitter und kalt genug. Die Nachrichten sind weiterhin gut. Ich wüßte nicht, wann wir zuletzt eigentlich schlechte Nachrichten bekommen hätten. Aber trotzdem steht der Winter vor der Tür. Wir werden schon anständig frieren, wenn wir nichts anderes anzuziehen bekommen als die Lumpen, die wir an- haben. Wir tragen jetzt Zeitungen auf dem Rücken, die vom Hosenbund gehalten werden. Das ist Eriks Patent, undes ist gut.
Der schlimmste Hunger ist vorüber. Leif und die anderen, nicht zuletzt Finn Aanesen und sein Bruder, haben uns Brot, Käse, Sardinen und Zucker und aller Welt Herrlichkeiten hier heraufgeschickt. Ab und zu verschwenden wir richtig. Wie gut es tut, sich einmal ordentlich satt essen zu können- ungefähr
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