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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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mehr hierhin zurück. Sie haben einen sehr schweren Flieger­angriff gehabt dort unten, und er meint, daß er damit dies wohl hinter sich hat. Es geschah nichts. Colbjörn ist zur ärzt­lichen Untersuchung hier. Alles o. k. Er geht heute wieder fort. Es war so schön, ihn wiederzusehen. Etwas von ,, früher".

Heute morgen zog ein Transport von hier fort, wahrschein­lich in die elsässischen Steinbrüche, dorthin, wo wohl auch Leif, Hartvig, Berg- Hansen und die anderen gelandet sind. Leider mußte auch Siggen mit. Er ist ganz großartig zu uns gewesen, seit wir hierher kamen. Gemeinsam mit Leif Jensen und Arvid Johansen und einigen anderen versorgte er uns mit Tabak und Eßwaren und stand uns ständig mit Rat und Tat zur Seite. Überhaupt haben uns die Kameraden hier viel geholfen. Wir haben nicht gehungert und sind auch noch nie ganz ohne Rauchwaren gewesen. Die Zigaretten, die man hier in der Kantine kaufen kann und die die anderen für uns ge­kauft haben, sind schlecht wie Kameldreck und unter normalen Verhältnissen ungenießbar. Aber hier gehen sie wie frische Semmeln.

Nachrichten? Einige bekommen wir doch immerhin. Er­stens bekommen wir Zeitungen täglich. Deutsche Zeitungen selbstverständlich. Aber der Wehrmachtsbericht lügt, glaube ich, nicht so arg. Aus ihm erfahren wir doch jedenfalls die Hauptsache. Daneben erhalten wir in aller Stille und mit der größtmöglichen Vorsicht auch frische Nachrichten aus anderen Quellen. Sie kommen gleichmäßig und sicher, und ich glaube, daß wir im großen und ganzen nicht schlechter unterrichtet sind als auf Grini . Aber trotz der guten Nachrichten, ja, der nur guten Nachrichten von allen Fronten kann ich nicht opti­mistisch sein. Ich möchte es noch nicht eingestehen, nicht ein­mal mir selbst, daß ich den Glauben daran, daß alles im Herbst vorbei ist, aufgegeben habe; aber ich habe eine Ahnung, als wenn irgend etwas in mir ohne meine Kontrolle und gegen meinen Willen dieses Aufgeben an meiner Statt vollzogen hat. Der strahlende Optimismus, in dem sie zu Hause leben, Karis Wunsch, ich möchte ein ,, frohes Weihnachtsfest" verleben, und Ernsts Versicherungen, daß alles jederzeit zusammen­

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