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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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Ich muß nur abwarten und sehen, wie es weitergeht. Viel­leicht bekomme ich meine Kleider ausgeliefert, bevor ich Lungenentzündung habe. Und wenn man Lungenentzündung hat, braucht man ja keine Kleider mehr. Wir leben von Kohl­suppe und Kartoffeln, Kartoffeln und Kohlsuppe, sowohl mittags als auch abends. Es kommt vor, daß wir Spinatsuppe und Kartoffeln bekommen, das heißt, es ist einmal vorge­kommen. Aber ich glaube, daß auch das Kohlsuppe war, nur mit dem Unterschied, daß der Kohl diesmal grün war. Erik behauptet sogar, daß es Kartoffelgrün war. Zum Frühstück bekommen wir eine andere Art Suppe mit Brotkrümeln darin- oder sogenannten Kaffee- zu der sehr kleinen Brotration, die aber aus gutem Roggenbrot besteht. Zweimal in der Woche gibt es einen Klecks Butter. Wenn wir Kaffee bekommen, gibt es auch Aufschnitt, ein Stück Wurst, eine Art Käsemasse oder Marmelade. Alles ist natürlich ,, Ersatz", es sieht verdächtig aus, aber wir sind hungrig

Im übrigen ist die Kost natürlich nicht ausreichend. Darum hungert man auch langsam, aber sicher. Die Norweger bleiben am Leben und in relativ guter Verfassung dank der Pakete aus Schweden und Dänemark . Diese Pakete sind von unermeß­licher Bedeutung, wir haben sie bereits kennengelernt. Unsere Kameraden, die schon lange hier sind und schon seit langem in Verbindung mit der Heimat stehen, bringen uns Ölsardinen, Knäckebrot, Käse und alle Herrlichkeiten der Welt, was alles im Nu aufgegessen wird. Alle haben noch einen Hohlraum im Magen, der aufgefüllt werden muß, bevor eine solide Grund­lage entstanden ist, auf der sie dann weiter aufbauen können. Unterernährungserscheinungen bleiben nicht aus. Mehrere der Jungen haben geschwollene Beine. Das Wasser geht in den Körper, wie man hier sagt. Denn die Nahrung, die wir be­kommen, besteht zum größten Teil aus Wasser und enthält verschwindend wenig Nährwert und Vitamine. Erik gehört zu denen, die geschwollene Beine haben. Aber wenn wir uns eine Weile der Eẞwarenlager unserer hiesigen Kameraden und der ständig neu ankommenden Pakete bedient haben werden, werden sich diese Übel schon legen. Ich glaube nicht, daß wir

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