verwechselt werden mit der Achtung, die man in einer freien Gemeinschaft unter freien Menschen für seinen Mitmenschen hat. O nein!
12. Oktober 1943
Immer noch dasselbe Wetter beißend kalt und strahlend klar. Auch heute nacht gab es keine Bombenangriffe. Jeden Abend kriechen wir erwartungsvoll zu Bett und wickeln uns da drinnen im dunkeln, überfüllten Schlafsaal in die fettigen, widerlichen Wolldecken ein. Enttäuscht verlassen wir morgens die Betten. Enttäuscht, weil wir ruhig hatten schlafen dürfen. Wir hatten etwas anderes gewünscht. Gott sei Dank, daß es dunkel ist da drinnen, damit wir die Wolldecken jedenfalls nicht sehen können. Wir können sie nur fühlen. Sie sind fett! Das einzige Fett, das wir bekommen. Die Betten sind in drei Etagen übereinander aufgerichtet und stehen so dicht, daß der ganze Raum ausgefüllt ist. Zwischen den Bettreihen befindet sich ein schmaler Gang, durch den man nur schrägwärts gehen kann. Zwei Männer können darin nicht aneinander vorbeikommen. Der eine muß hochklettern, damit der andere darunter weggehen kann. Ich liege in einer Bettreihe neben Frode. Es ist schon ein Kunststück, in ein solches Bett hinein- und herauszukommen, jedenfalls für einen Mann von meinem Kaliber. Aber allmählich kann ich es. Ein Glück, denn ich muẞ drei- bis viermal in einer Nacht aufstehen. Das kommt durch die wässerige Kost und die Kälte. Ich habe ja keine Unterwäsche, nur die Lagerlumpen. Ich habe meine Kleider noch nicht bekommen. Es besteht auch keine Gelegenheit, sie zu erhalten. Wenn ich zum Block ältesten gehen würde oder zu irgendeinem anderen, der etwas zu sagen hat, und ihm erzählen würde, daß ich friere, daß ich Lumbago habe( ich bin jeden Morgen steif wie ein Greis), und daß ich aus diesem Grunde meine Kleider gerne hätte, würde ich nur ausgelacht werden. Hier friert man nicht, hier ist man nicht krank, hier lebt man so, wie man leben muß laut Vorschriften und Verboten oder man stirbt. Und beides vollzieht man, ohne einen Laut von sich zu geben. Verstanden?
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5 Nansen
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