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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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etwas zu befürchten haben. Wir haben Glück gehabt, daß wir schon unseren ersten Brief nach Hause haben abschicken dürfen. Dieser Brief wurde von allen ziemlich einheitlich abge­faßt, damit er schneller durch die Zensur kommt.

Heute habe ich endlich meine Kleider zurückbekommen. Aber das Tagebuch war nicht dabei, ebensowenig meine Mappe mit Papier . Und die Schuhe fehlten auch. Aber ich be­kam schöne warme Unterwäsche und Strümpfe und nun fühle ich mich wohler, nachdem ich alles angezogen habe. Ich hatte auch ein Eẞbesteck bei mir. Das hat man mir genommen, ebenso eine Flasche Medizin gegen Fußpilz. Und das Gemeinste von allem: das Bild von Kari mit den Kindern, das ich auf den Boden des Pappkartons gelegt hatte, das haben sie mir auch genommen. So, das ist also auch nicht erlaubt, das Bild seiner Lieben zu sehen. Die Freude wäre ja auch zu groß für einen politischen Gefangenen.

Wenn ich nachts wachliege und die Gedanken kommen, dann sehe ich vor mir die Gaskammern, wo Tausende und aber Tausende von Juden, Polen und auch anderen Menschen getötet werden, die Blausäurekammern in Lublin , die als Bade­anstalt getarnt sind, wo die armen Menschen hineingehen in dem Glauben, daß sie baden sollen. Wir haben Leute hier im Lager, die aus Lublin kommen, die aus eigenem Erleben von diesen Dingen erzählen können. Das sind keine Phantasien. Es sind auch keine Phantasien, daß es hier im Lager Autos gibt, die so eingerichtet sind, daß der Exhauster in das Auto mündet, das ganz dicht verschlossen ist. Eine Reise von zehn Minuten in einem solchen Auto genügt, um einen Menschen in die Ewigkeit zu schicken. Die Autos sind fleißig gebraucht worden. Hunderte von Opfern sind aus diesen Wagen heraus­getragen worden und sind ,, in den Schornstein gegangen". Es gibt ja immer noch mehrere Todesfälle täglich, wenn es auch nicht mehr so grauenhaft ist, wie es früher war bei weitem nicht! Es hat hier Zeiten gegeben, da in der Baracke jeden Morgen das Kommando ertönte: ,, Tote heraus!"- worauf alle, die im Laufe der Nacht an Hunger, Kälte, Ermattung und Krankheit gestorben waren, hinausgetragen und auf einen

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