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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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wir wissen nicht mehr, wie wir selbst reagieren. Das ist zum Verzweifeln. Wie soll das nur weitergehen?

Ein ohrenbetäubender, Lärm von morgens bis abends, ein Klappern der Holzschuhe hin und her, ein Hin- und Her­schieben von Bänken und Hockern, auf denen auch noch ge­trampelt wird. Ein Schreien, ein Spektakel und ein Sichunter­halten ununterbrochen. Keine Minute Pause. Einige essen, andere kochen auf dem Ofen, der mitten im Raum steht, und zanken sich darum, daran zu kommen, einige lesen oder streiten um Zeitschriften und Zeitungen, andere wieder wechseln die Kleider, einige räumen den Schrank auf oder rasieren sich, wieder andere nähen und stopfen. Dann gibt es solche, die Schach oder andere Spiele spielen, sich dabei zanken oder ge­mütlich unterhalten. Alle Laute und alle Geräusche vereinigen sich zu einem dauernden Wasserfall, der gegen das Trommelfell drückt und die Gehirntätigkeit lähmt. Und plötzlich wird alles durchschnitten von einem ,, Achtung!" irgendeines Block­führers, der ab und zu erscheint, um uns ein wenig zu be­schnüffeln. Oder wir werden wie Schafe aus dem Block heraus­getrieben, um draußen auf den Barackenstraßen und unten auf dem Appellplatz mit unserem Blockältesten Hans zu mar­schieren. Man ist nicht mehr fähig, die verschiedenen Erlebnisse voneinander zu unterscheiden, weiß nicht mehr, ob es Morgen oder Abend ist. Es kümmert einen ja auch nicht, denn was spielt das überhaupt für eine Rolle? Ganz hilflos fühlt man sich hineingezogen in einen Mahlstrom ohne Sinn und Ziel, und mehr und mehr verliert man die Fähigkeit, sich dagegen zu wehren. Man weiß gar nicht mehr, welche Kräfte man für so etwas gebrauchte und ob sie überhaupt noch existieren. Vier­zehn Tage lang sollen wir in Quarantäne bleiben, vielleicht noch länger. Gestern abend, als wir alle hier im Block ärztlich untersucht wurden, stellte sich heraus, daß einer Scharlach hatte. Das war Hareide, unser Reisekamerad, der vierte von uns, mit dem wir Tisch und Schrank teilten. Vielleicht glauben manche, daß die Quarantäne angenehm ist. Man braucht ja nicht zu arbeiten, man kann den ganzen Tag sitzen und sich strecken ohne irgendwelche Sorgen. Aber man irrt sich sehr,

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