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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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wußt, als man annimmt. Er hat sie geahnt, und er hat sie ge­fürchtet. Ja, vielleicht hat er alle seine Kräfte eingesetzt, um gerade diese Katastrophe zu verhindern! Wenn er doch am Leben wäre! Wenn er doch nur am Leben wäre! Man darf wohl annehmen, daß dann in Norwegen manches anders gewesen wäre. Quisling hätte jedenfalls keinen seiner Sprünge gewagt, und allein das hätte dem Ganzen ja ein entschieden anderes Gesicht gegeben. Aber hier! Hier ist der Wunsch so leer und sinnlos. Was hätte er hier wohl für einen Einfluß gehabt? Als wenn irgend jemand sich um einen Greis aus Norwegen ge­kümmert hätte, um einen Menschenfreund- um einen Huma­nisten!

Angesichts der eisenharten und eiskalten Roheit, der tie­rischen Abgestumpftheit, die hier regieren, und die alles und alle zu beherrschen scheinen, wirkt die Erinnerung an ihn und seine Handlungen so vollkommen fremd und unverständlich, als wenn sie einer ganz anderen Welt zugehörten. Und doch gibt es noch Bande, die uns an jene Welt festhalten, und frei­willig lassen wir sie nicht durchreißen. Krampf haft klammern wir uns an ihnen fest, wir wollen nicht in jenen Abgrund hinein­gleiten, der uns mit seinem schwarzen, hoffnungslosen Schlund überall droht. Überall erleben wir, wie unsere Mitmenschen ab­gleiten, verzweifelte Hände und Arme strecken sich aus nach irgend etwas, das sie festhalten können, aber sie finden nichts, sinken tiefer und tiefer, um zuletzt ganz wegzubleiben und hineinzugleiten in die dunkle Masse des Abgrundes. Polen , Russen, Deutsche, Belgier, Franzosen, Ukrainer , Holländer, Rumänen, Tschechen, Ungarn . Ihre Gesichter grinsen uns ent­gegen mit einem kalten Lachen. Haß, Hohn, Schmerz! Haufen von Leichen! Lebendige Leichen und tote Leichen! Ein furcht­barer Geruch droht uns zu ersticken. Wohin man schaut, über­all dasselbe Grauen, derselbe entsetzliche Anblick- nirgendwo ein Lichtblick. Doch! Tief drinnen in uns selbst! Vielleicht! Man findet auch dort nicht mehr hin. Es ist, als ob alle diese entsetzlichen Eindrücke, diese grauenerregenden Dinge, die wir sahen und hörten, uns verhext haben, und uns selber ent­fremdeten. Wir wissen nicht mehr, was mit uns vor sich geht,

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