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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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wenn man glaubt, daß ein solcher Zustand am Anfang das Beste ist. Was man mehr als alles andere braucht, ist Beschäf­tigung, etwas, an dem sich die Eindrücke brechen können, etwas, das die Gedanken ablenken und verjagen kann, so daß man sich selbst wiederfindet. Man muß um jeden Preis von diesen entsetzlichen Gedanken, die auf einen einstürmen, weg­kommen! Man hat ein unbändiges Bedürfnis, das ganze Bild, das man vor sich und überall sieht, wegzuwischen, als wenn es nur ein Phantasiebild sei, nur ein häßlicher Traum. Oh, wenn man doch aufwachen könnte nach diesen Schrecken, aufwachen und erfahren, daß es eine andere Wirklichkeit gibt, die dem Licht gehört, wo man nicht schläft und abgestumpft wird, sondern lebt und atmet mit vollen Lungen und dem Licht zu­gewandtem Gesicht. Und dieser tiefe Wunsch wird zu einer starken Sehnsucht, die sich mehr und mehr bewußt im Gemüt festsetzt und da drinnen aufräumt, wo die furchtbaren Ein­drücke Unordnung geschaffen hatten. Das Licht kommt wieder, erst in kleinen Streifen wie ein Feuer in der Nacht, dann wie ein anhaltendes Licht in der Ferne, das näher und näher rückt und zu einem strahlenden Sonnenschein wird. Und dort mitten im Sonnenschein sind sie plötzlich, sie und die Kinder, und lächeln einem sicher und zuversichtlich zu! Endlich! Alles, was man im Leben besitzt, alles, wofür man überhaupt weiterlebt, ist in diesem Gesicht. Man empfindet plötzlich eine panische Angst, es könnte wieder verschwinden. Man weiß, daß das auch ge­schehen wird, man muß nur den Weg kennen, der wieder zu­rückführt. Man muß wissen, wie man sie wiederfinden kann. Plötzlich hat alles wieder einen Sinn, man hat ein Ziel, das am Ende dieses langen und schweren Weges liegt. Alle Fragen über Wo und Warum verstummen und werden überflüssig. Sogar all dieses Schreckliche wird nur zu einer Episode. Die Urteilskraft kehrt langsam wieder, die Dinge rücken wieder auf ihren rechten Platz. Etwas Festes und Sicheres, etwas unendlich Be­ruhigendes und Unverrückbares beginnt sich im Gemüt zu be­festigen. All dies geschah, als sie wieder erschien. Ich habe es bis jetzt nicht ausgehalten, an sie zu denken, ich habe die Ge­danken an sie und die Kinder mit all dem anderen mit Gewalt

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